(Bielefeld) "Ein Stück Identität zurückgegeben" / Zonta Club plant Verlegung der nächsten Stolpersteine
Mitte (dia). Zehn Stolpersteine leuchten in Bielefeld bereits auf dem Kopfsteinpflaster. Im Mai dieses Jahres verlegte der Künstler Gunter Demnig die Messingplatten und verewigte damit Opfer des Nationalsozialismus namentlich vor ihren damaligen Häusern. Für März 2006 plant die Frauenorganisation "Zonta Club Bielefeld" nun die Verlegung von 20 weiteren Stolpersteinen.
"Als ich über meine Cousine aus Bielefeld erfuhr, dass für meinen Vater Erich Wehmhöner im Mai ein Stolperstein verlegt wurde, war ich sehr ergriffen", sagt Christel Glemser. Der gebürtigen Bielefelderin, die nun in Stuttgart lebt, bedeutet die kleine Erinnerungstafel überaus viel: "Damit wurde meinem Vater ein Stück Identität zurückgegeben."
Eine Liste mit 43 Namen von NS-Opfern, für die weitere Stolpersteine in Bielefeld verlegt werden sollen, steht bereits. "Viele Leute erinnern sich noch an Menschen, die damals deportiert wurden und wenden sich an uns", sagt Eva Hartog, Präsidentin der Organisation. Das Projekt werde somit immer größer. "Weil der Künstler durch ganz Deutschland zieht und die Verlegung zeitaufwändig ist, versuchen wir ihm einen Steinmetz zur Seite zu stellen", so Hartog.
Auch einige Paten der Stolpersteine machten sich Gedanken, wie sie das Projekt weiter unterstützen können. So plant das Oberstufenkolleg zum Beispiel die Gestaltung einer Broschüre, in der Schüler nach intensiver Recherche die Biografien einzelner Opfer zusammenfassen.
"Ich werde meine Schüler auch mit einspannen", verspricht Christine Biermann von der Laborschule. Die Lehrerin hat sich vergangenes Jahr etwas Besonderes zum 50. Geburtstag gewünscht: "Ich habe mir statt normalen Präsenten 20 Stolpersteine schenken lassen." In Planung ist außerdem der Entwurf eines Patenbriefes. "Wer gestalterisch begabt ist, kann uns gerne helfen", ruft Hartog auf. Auch neue Paten seien ständig erwünscht.
Folgende Stolpersteine sollen im März 2006 in Gedenken an diese Menschen verlegt werden: Frieda und Heinrich Homann (Ortsschmiedeweg 33), Oskar Grube (Am Tempel 17), Hugo Schweitzer (Am Wortkamp 35 a), Rudolf Sauer (Wellensiek 154), Gustav Höcker (Haller Weg 65), Herrmann Wörrmann (Althoffstraße 14), Paul Brockmann (Breite Straße 35), Fritz Beckstätte (Ecke Stieghorster Straße/Schneidemühler Straße), Eduard Gaus (Oelmühlenstraße 105), Wilhelm Hünerhoff (Finkenstraße 77), Gustav Koch (Althoffstraße 4), Ernst Brune (Am Sudholz 31), Selma, Leo und Margot Grünewald (Mühlenstraße 7), Lotte Windmüller (Detmolder Straße 76), Fritz Bockhorst (Straße wird noch recherchiert) sowie Samuel und Hedwig Meyerson (Detmolder Straße 84).
Weitere Stolpersteine zur Erinnerung an Bielefelder Opfer des Nationalsozialismus hat der Kölner Künstler Gunter Demnig am vergangenen Donnerstag in Bielefeld verlegt. Im Mai 2005 begannen die Steinverlegungen, kleine Steine, die ins Gehwegpflaster integriert werden, die aber dank der Messingoberfläche gut sichtbar sind. Der Rat der Stadt hat den steinernen Erinnerungen nachdrücklich zugestimmt.
Von Manfred Horn
Zustandegekommen sind die Steinverlegungen vor allem durch die Ärztin Eva Hartog. Sie holte den ersten Stein nach Bielefeld. Gesehen hatte sie solche Steine zuvor in Hamburg. Denn Gunter Demnig hat bundesweit Aufsehen erregt mit der Aktion: In vielen Städten finden sich inzwischen solche Stolpersteine. Demnig wurde in der vergangenen Woche für sein Engagement auch zum Ehrenbürger der Stadt Köln erklärt. In einigen Städten jedoch wird man die Steine auch vergebens suchen. So zum Beispiel in München, wo es eine heftige Debatte gab. Dort hat der Stadtrat im Juni 2004 die Verlegung untersagt. Eine Initiative kämpft dort bis heute aber weiter, um die Verlegungen dennoch möglich zu machen. Die Kritik ist Eva Hartog durchaus auch aus Bielefeld bekannt: So macht die jüdische Gemeinde in Bielefeld bei den Verlegungen nicht mit. Sie hätte lieber Erinnerungstafeln an den Häusern. Die Steine hingegen lehnt sie, weil auf sie, und damit auch die Toten, draufgetreten wird. »Dabei weisen die Steine nur darauf hin, dass dort die Person xy wohnte«, sagt Hartog. Sie betont aber zugleich, dass keine Steine gegen den Wunsch von Angehörigen verlegt würden.
Eva Hartog ist in der Frauenorganisation Zonta engagiert. Zonta ist ein weltweiter Zusammenschluss berufstätiger Frauen, die sich zum Dienst am Menschen verpflichtet haben, seit 1999 gibt es auch einen lokalen Verein in Bielefeld. Der Verein unterstützt die Steinverlegungen. Engagiert ist auch Susanne Biermann, die Leiterin der Labor-Schule. Beide, Hartog und Biermann, fungieren auch als Ansprechpartnerin für weitere Steinverlegungen. So sollen Ende Oktober weitere Steine verlegt werden. Da Gunter Demnig inzwischen so beschäftigt ist mit dem Verlegen, kann er dafür nicht nach Bielefeld kommen. Die Steine sind schon fertig, verlegt werden sie dann aber vom Handwerkbildungszentrum. Hartog denkt auch darüber nach, vor der Ravensberger Spinnerei einen Stein verlegen zu lassen. Das wäre allerdings ein Novum: Denn dann würde auf dem Stein stehen: »Hier arbeiteten...«. Der Stein würde dann an Zwangsarbeiterinnen erinnern. Doch noch ist dies nur eine Idee.
Die Steine werden von Paten finanziert: Sie zahlen 95 Euro auf ein Konto der Stadt, dass die Finanzen verwaltet. Auf den Stolpersteinen steht dann der Name, Geburts- beziehungsweise das Deportationsdatum. Im Vordergrund stehen Bielefelder, die von den Nationalsozialisten deportiert wurden. Ingesamt 20 Steine finden sich inzwischen auf Gehwegen vor Häusern, in denen die Opfer gewohnt haben. Unter ihnen Josefa Metz, Jüdin und Schriftstellerin, die in der Detmolder Straße 4 aufgewachsen ist. Auch der in Bielefeld damals sehr bekannte Orthopäde Bernhard Mosberg gehört dazu, der 1944 in Auschwitz umkam. Am vergangenen Donnerstag wurde vor der Gesamtschule Stieghorst ein Stein für Hugo Schweitzer verlegt, der 1940 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet wurde. Meist sind es Angehörige oder ehemalige Nachbarn, die auf die Namen und Wohnorte der Opfer hinweisen. Hartog wendet sich in solchen Fällen an das Stadtarchiv, um mehr über die Toten zu erfahren. Dort wurde Hartog lange Zeit von Monika Minninger unterstützt. Sie ist nun im Ruhestand und der neue Institutsleiter Jochen Rath hat ihre Aufgabe übernommen.
Hier eine Liste mit den bisher verlegten Steinen
1. Josefa Metz, geb. 1871 in Minden, gest. 13.2.1943 im Ghetto Theresienstadt. Jüdin, Schriftstellerin; Elternhaus: Detmolder Strasse 4
2. Frieda Laarmann, geb. 1902 in Münster,1942 in Auschwitz gestorben. Zeugin Jehovas, Herstellung und Verbreitung vom Wachturm, Kontoristin, Elternhaus: Hallerweg 73
3. Dora Senkel, geb. Salomon, geb. 24.2.1893 in Berlin, gest. 31.8.1943 in Auschwitz
4. Richard Senkel, geb. 1877 in Berlin, am 9.3.1943 im KZ Sachsenhausen ermordet. Beide: Am Sparrenberg 8
5. Dr. Bernhard Mosberg, geb. 20.2.1874 Bielefeld, Orthopäde, gest. Auschwitz 1944, verheiratet mit Rosalie Mosberg, geb. Oppenheimer, geb. 28.9.1879 in Niedermarsberg, ermordet 26..3.1943 in Bendorf-Sayn. Dr. Gertrud Mosberg, Ärztin, geb. 5.7.1903 in Bielefeld, gest. März 1945 KZ Ravensbrück; alle drei: Artur- Ladebeck-Strasse 6
6. Konrad Griefingholt, geb.1890 in Nüven/Melle, gest. 20.4.1944. Zuchthaus Hameln; Artur –Ladebeck-Strasse, linker Flügel der Kunsthalle
7. Erich Wehmhöner, geb.1908 in Bielefeld, umgekommen April 1945 im Kz Neuengamme; Bosse-Str. 3
8. Paul Brockmann, geb. 1896 in Bielefeld, hingerichtet 22.9.1944 in Dortmund, Fräser, homosexuell, wohnhaft: Breite Straße 35
9. Samuel Meyerson, geb. 8.12.1862 in Bielefeld, ermordet 25.8.1942 in Theresienstadt, Pferde- und Manufakturwarenhändler, wohnhaft: Detmolder Str. 84
10.Hedwig Meyerson, geb. 27.9.1899 in Bielefeld, Tochter von Samuel Meyerson, ermordet 8.5.1945 im Lager Maly /Trosdenez(Polen), Kontoristin, wohnhaft: Detmolder Str.84
11. Hugo Schweitzer, geb. 1884 in Bielefeld, ermordet 7.4.1940 im KZ Sachsenhausen, Mitglied des linksgerichteten Dachdeckerverbandes, Am Wortkamp 35a
12. Fritz Beckstätte, geb. 1899 in Bielefeld, Schleifer, 1936 9 Monate Gefängnis wegen Vorbereitung zum Hochverrat, 8.7.1936 Selbstmord, Stieghorsterstrasse 54 a
13. Gustav Koch, geb. 1900 in Oerlinghausen, am 15.9.1944 in Dortmund hingerichtet, Dreher, KPD, Anklage wegen Rundfunkverbrechen, Wehrkraftzersetzung und Hochverrat Althoffstrasse 4
14 .Herrmann Wörmann, geb. 1896 in Sieker, am 15.9.1944 in Dortmund hingerichtet, KPD, Althoffstrasse 14
15. Selma Grünewald geb. Wolff, Witwe des Kaufmanns Albert Grünewald geb. 1890 Südlohn, ermordet in Auschwitz, Mühlenstrasse 7
16. Leo Grünewald geb. 1921 in Bielefeld, Sohn von Selma Grünewald, Fleischer, ermordet in Auschwitz Mühlenstrasse 7
17. Margot Grünewald geb.1926 in Bielefeld, Tochter von Selma Grünewald, ermordet in Auschwitz, Mühlenstrasse 7
18. Rosa Heymann, geb. Wolff, geb.1891 Südlohn/ Westfalen, Witwe, Mitinhaberin des Bekleidungsgeschäftes „Grünewald und Heymann, am 13.12.1941 ins Ghetto Riga deportiert und ermordet, Mühlenstrasse 7 Im Oktober 2006 folgen:
1. Eduard Gaus, geb. 1888, Schlosser bei Dürkopp, KPD, zweimal verurteilt wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Am 21.3.1945 gestorben an Unterernährung im Zuchthaus Werl, Ölmühlenstrasse 105
2. Wilhelm Hünerhoff, geb. 1889 in Bielefeld, Verwaltungsoberinspektor AOK, verurteilt wegen Heimtücke, danach KZ, ermordet 27.8.1944 in Neuengamme, Finkenstrasse 77
3. Frieda Homann, geb.Reinecke. Geb.1903 Großrhüden, am 4.1.1944 in Dortmund hingerichtet und Heinrich Homann, geb.30.Juli 1900 in Güstrow. Todesurteil wegen Fortführung einer kommunistischen Gruppe, Feindsenderabhörung und Wehrkraftzersetzung, KPD, Ortschmiedeweg 33
4. Ernst Brune, geb. 1889 in Schildesche, am 25.5.1940 im KZ Sachsenhausen totgeschlagen. Brauereiarbeiter, Betriebsratsvorsitzender, KPD, Kritik an Krieg und NS, ohne Verfahren ins KZ, Am Sudholz 31
5. Dr. Julius Kamp, Rechtsanwalt,geb.16.3.1886 in Herford, vergast in Auschwitz am 17.10.1944, Detmolderstrasse 8
6. Lotte Windmüller, geb. 9.7.1922 in Bielefeld, deportiert 2.3.1944 nach Auschwitz, Todesdatum nicht bekannt, wohnhaft Detmolder Strasse 76
7. Gustav Höcker geb. 1898 Wanne-Eickel , am 15.9.1944 in Dortmund hingerichtet, Maschinenmonteur, KPD, Hochverrats und Wehrkraftzersetzungsanklage, Hallerweg 65
8. Rudolf Sauer geb. 1900 in Bielefeld, am 15.9.1944 in Dortmund hingerichtet, Zahntechniker, KPD, Wellensiek 154
9. Fritz Bockhorst geb. 7.4.1901. Angeblich Selbstmord, nach 6 Jahren zermürbender Haft am 30.6.1944, wohnte An der Landwehr 1
10.Christian Vogel, geb. 1902 in Freisenbrück /Hattingen, hingerichtet am 24.5.1941 im KZ Brandenburg, wohnhaft: Hauptstrasse 193 in Brackwede.
Kontakt mit Zonta Bielefeld wegen weiterer Patenschaften über Eva-Maria Hartog, Kantstraße 4, 33615 Bielefeld. per Mail: eva.hartog@klinikdrhartog.de
Lokales Bielefeld NR. 184, DONNERSTAG, 10. AUGUST 2006
18 weitere Stolpersteine sollen an Nazi-Opfer erinnern ¥ Bielefeld. Erneut werden in Bielefeld Stolpersteine verlegt sie sollen an Menschen erinnern, die Opfer der Nazis wurden. Der Künstler Gunther Demnig wird die Steine an 18 Orten in Bielefeld verlegen am Donnerstag, 17. August. Die Aktion beginnt um 10 Uhr vor der Gesamtschule in Stieghorst, wo das im April 1940 im KZ Sachsenhausen ermordete Mitglied des linksgerichteten Dachdeckerverbandes, Hugo Schweitzer, geehrt wird. Erinnert wird unter anderem auch an Lotte Windmüller, Fritz Bockhorst, Leo Grünewald, Ernst Brune, Dr. Julius Kamp, Rudolf Sauer, Gustav Koch, Gustav Höcker und Eduard Gaus.