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Ich sitze in einem I-Cafe in Varna und mein innerer Schweinehund schaut sich die dicken Wolken an -- es gibt bestimmt gleich Regen sagt dieser Hund.
Mein verstand sagt mir, dass die Regenwahrscheinlichkeit bei gut 50% liegt und da es alle 200 Meter ein Hotel gibt, spricht nichts dagegen, gleich noch eine Strecke von 40 oder 50 km zu fahren.
Ich glaube, mein innerer Schweinehund verliert heute.

Ein Nachtrag zum gestrigen Abend:
Ich war wieder in meinem Stammlokal mit der dezenten bulgarischen Volksmusik im Hintergrund. Draussen war es am Blitzen und Donnern, bei relativ wenig Regen. Vor mir hatte ich ein Flasche Zagorka (das lokale Bier) und eine exzellente Fleischplatte. Ich fragte den Wirt, warum er so gut deutsch spricht. Er erzaehlt, dass er noch zu DDR-Zeiten fuer 7 Monate in Ostberlin gearbeitet hat und ihm die Sprachkenntnisse jetzt als Gastronom sehr helfen wuerden.
Wir verabschieden uns sehr freundschaftlich. Er hat am Vortag einen Flyer von mir erhalten und wuenscht mir deshalb eine gute Weiterfahrt und viel Erfolg.
So Norbert und Jana: AUFGEPASST!!!
In dieser schoenen Stimmung habe ich den Wirt gebeten, ein Foto zu machen, weil heute Eure Etappe angesagt ist. Ich habe mir fuer das Foto bewusst einen der gemuetlichsten Momente der Tour ausgesucht:
hier das Foto:
(wird ergaenzt, wenn ich wieder mit meinem Stick ins Netz komme)


So jetzt die Geschichte mit dem angeblichen Diebstahl. Ich packte heute ganz in Ruhe meine Taschen. Das dauert immer recht lange, weil mittlerweile viele Sachen ihren festen Platz in den Gepaecktaschen haben. Das hilft beim Suchen.
Nach und nach bringe ich die Taschen einzeln in die Kellergarage, wo ich den Fahrradstellplatz ja bekanntlich fuer 3 Euro/Tag angemietet habe.
Ich merke instinktiv, dass irgendetwas nicht zu stimmen scheint. Das Personal (2 Putzfrauen und die Dame an der Rezeption) werfen komische Blicke zu mir hinueber -- oder bilde ich mir das nur ein?
Als ich alle Taschen im Keller habe, werden sie sorgfaeltig auf dem Rad befestigt. Ich habe da regelmaessig Probleme mit einer Plstiktuete, die unter dem schwarzen Seesack liegt. Die Prozedur dauert immer so 5 Minuten, weil ich mich ansonsten wegen des staendig rutschenden Seesackes immer aergere.
Ich nehem jetzt den Schluessel und mein Geldboerse um mit der Dame an der Rezeption abzurechnen (Zimmer war bezahlt, aber ich hatte sporadisch mal die Minibar genutzt).
Jetzt kommt es:
Irgendetwas scheint im Zimmer zu fehlen!! Meine Englischkenntnisse sind sicherlich nicht mehr toll, aber die der Dame an der Rezeption deutlich schlechter. Zu dritt stehen sie neben mir und versuchen mir zu erkleren, was denn nun fehlt.......
Im Hotel bekommen die Gaeste jeden Tag 3 frische Handtuecher, ein Badetuch, ein normales Handtuch und ein ganz kleines Tuch, nur wenig groesser als ein Waschlappen. Und dieses, vielleicht 30*20cm grosse Tuechlein ist nicht mehr da! Krull, das erklaere doch bitte mal. Gemeinsam gehen wir in mein Zimmer und schauen in jede Ecke. Kein Handtuechlein fuer ca. 75 Cent zu finden und auf einer Radtour kann man ein schneeweisses Handtuechlein fuerchterlich gut gebrauchen.
Was tun? Natuerlich koennte es versehentlich beim Packen in eine der Gepaecktschen geraten sein.
Mir ist die Situation mehr als peinlich. Ich erklaere den 3 Damen, dass ich jetzt in den Keller gehe, saemtliche Gepaecktaschen wieder auf mein Zimmer bringe und dann ich jeder Gepaecktasche nachschauen wuerde.
Gesagt getan: Fahrstuhl, Keller, 6 Taschen nach oben ins Zimmer, alle Taschen komplett leergeraeumt -- kein Handtuechlein zu finden. Jetzt die Prozedur von vor einer Stunde noch einmal. Jedes Teil wieder an seinen Platz, die Taschen wieder in den Keller und vorschriftsmaessig auf dem Rad befestigt.
Dann also wieder zur Rezeption. Schon auf dem Weg dorthin merke ich, dass in der Zwischenzeit etwas passiert sein muss. Die beiden Putzfrauen bekreuzigen sich und schlagen mit mit Kopf fast auf dem Boden auf. Mittlerweile warten 2 Frauen in den Rezeption auf von. Die spaeter hinzugekommene  Dame kann etwas besser englisch sprechen:
"Sorry, it was our mistake".
Ich kann nur vermuten, dass in der Zwischenzeit die Handtuecher durchgezaehlt wurden und festgestellt wurde, dass tatsaechlich alle vorhanden sind. Aber haette man das nicht vorher machen koennen, bevor man diesen Aufstand macht? Fuer die war anscheinend im Vorfeld alles klar:
Langhaariger Auslaender, der wollte klauen, was sonst!
.........und ich habe nicht nur verschmerzbare 45 Minuten verloren, sondern fuehle mich in meiner Ehre tief verletzt. Ich weiss nicht, ob Ihr so etwas nachvollziehen koennt, vielleicht ist das eine Macke von mir, dass ich mich gedanklich laenger an so einer Sache aufhalte. Ich versuche immer (moeglichst) fair und gerade durchs Leben zu gehen und zu moeglichen Versaeumnissen zu stehen. Wenn mir eine bewusste Unkorrektheit oder ein Vergehen unterstellt wird, ist das eine Sache gegen meine Lebensphilosophie.

Ich habe einmal in meinem Leben ein Diebstahl begangen. Damals war ich 3 oder 4 Jahre alt. Die Nachbarn stellten fuer den Milchwagen immer 1 Liter Milchkaennchen mit dem passenden Geld an die Strasse.....und ich mochte doch so gerne Suessigkeiten. Was war das leichter, als 1 oder 2 Tage lang das Geld von den Kannen zu nehmen und den nahe gelegenen Kraemerladen (heute ein Altenheim der Stiftung "Eben Ezer" in Stapelage) aufzusuchen.
Na ja, die Nachbarn brauchten, nachdem sie vom "Milchmann" auf das fehlende Geld angesprochen wurden, nur aus dem Fenster zu schauen, welche diebische Elster sich wohl an den Kannen zu schaffen macht.
Ich kann mich noch gut erinnern, obwohl die Angelegenheit 48 Jahr zurueck liegt: Es gab fuerchterlichen Aerger und ich habe fuer mich schon fruehzeitig die Lehren daraus gezogen, dass sich ein Diebstahl wohl nicht lohnt.

Aber nun zurueck zum Hotel. Es ist eigentlich eine schoene Anlage. Das Hotel ist neu, relativ preiswert, sauber, hat einen Pool (siehe Fotos von vorgestern?) und das Fruestueck ist auch voellig ok. Danach wurde ich das Hotel ohne wenn und aber empfehlen.
Aber jetzt kommen die 4 "aber".

1.
Es ist unueblich, fuer das sichere Abstellen eines Fahrrades 3 Euro zu verlangen.

2.
An der Eingangstuer steht gross: WLAN Access Point. Aber das WLan funktioniert nicht. Ich habe die Rezeption 2* darauf angesprochen und immer wurde mir Abhilfe zugesagt (am Ankunftstag: "morgen") und am naechsten Tag "Ich kuemmere mich gleich darum"
Geschehen ist nichts. Ich meine, dass es zum Service eines ***-Sterne Hotels gehoeren muesste, zugesagt Eigenschaften kurzfristig herzustellen.

3.
Bevor man einen Gast des Diebstahls bezichtigt, sollte man VORHER nachschauen, ob der Fehler nicht auch bei einem selbst liegen koennte.
So schwoert man eine fuer den Gast sehr peinliche Situation herauf.

4.
Es geht nicht, dass die Putzfrauen an 2 aufeinanderfolgenden Tagen den Gast um 9:10 Uhr wecken, indem sie im Zimmer stehen und aufwischen wollen.
Ein Schild "Bitte nicht stoeren" gibt es leider nicht, aber bei einer Fruehstueckszeit bis 10 Uhr muss man ja um kurz nach 9 Uhr noch nicht unbedingt aufgestanden sein.

Schade ist, dass die Betreiber der Anlage niemals diese Kritik zu lesen bekommen und evtl. bereit sind, Abhilfe zu schaffen. Das Hotel ist an sich sehr schoen.
Uebrigens: Das Hotel ist in weiten Bereichen barrierefrei!! Das ist in Bulgarien noch sehr selten.





Fuer diesen Tag gibt es noch einen laegeren Nachtrag.
Leider kann ich den Stick mit den Fotos aktuell nicht einsetzen.
Beides wird in den naechsten Tagen nachgeliefert


23.5.2003 (Nachtrag)
Etappe: 90 km

Nach der Pause im Internet-Cafe klart der Himmel wieder auf und Weiterfahren ist die Devise. Mal scheint die Sonne, mal schieben sich Wolken davor und das bei gut 20 Grad – ideales Radelwetter für mich.
In Varna geht es über eine riesige 4-spurige Brücke. Ich nutze die rechte Spur, die für LKW. Es ist schon ein komisches Gefühle, wenn man von hinten die Trucks kommen hört. Es ist keine Angst, aber so ein Gefühl kurz davor.
Insgesamt ist zu sagen, dass sehr viel Bulgaren recht rücksichtslos fahren, was Radfahrer angeht.
Nach Varna geht es in die Berge. Noch zu Beginn der Steigungen lege ich gegen 15 Uhr eine Mittagspause ein. Wenn das Foto vom Steg Richtung Varna etwas geworden ist, stelle ich es demnächst hier online. Das Essen bei schöner Aussicht ist gut und preiswert:
Fischsuppe mit Brot, Salat, Kaffee, Cola-light für knapp 3,50 Euro.
Dann die Anstiege. Nach 6 Wochen auf Tour reichen meine Kräfte nicht mehr zum Fahren. Schieben ist angesagt und meine Hüfte meldet sich sehr kräftig. Ich muss Drops einwerfen, die ich in meiner Bordapotheke habe. Glücklicherweise vertrage ich sie heute.
Dann der Fehler des Tages. An einer Kreuzung ist Burgas nach rechts (kurzer Weg über Autobahn) und geradeaus (längerer Weg über eine Art Bundesstraße) ausgezeichnet. Nach links geht es in einen Küstenort, sicherlich 200 Höhenmeter tiefer. Ich möchte ja gerne an der Küste lang -schon wegen des geringen Verkehrs- und nehme die Abfahrt in das Dorf. Nach dem Dorf führt die Teerstraße ins Nirwana und wird immer kleiner. Aufgemotzte Autos überholen mich, die diese jetzt einspurige Straße als Ralleystrecke ausprobieren. Irgendwann nach knapp 10 km endet der Weg an einem Abgrund. Nirgends hatte gestanden, dass es sich bei dem Weg zur Küste um eine Sackgasse handelte. Also die 10 km zurück und die 200 Höhenmeter wieder aufholen.
Die Aktion bessert nicht gerade meine Laune, die seit der Aktion heute Vormittag im Hotel eine deftige Delle bekommen hatte.
Dann geht es auf der Bundesstraße weiter. Es geht auf 18 Uhr zu und ich brauche langsam eine Unterkunft.
Am Straßenrand stehen in Abständen von einigen hundert Metern recht nett aussehende Mädels mit sehr kurzen Röcken.
Eine hatte wohl heute morgen beim Anziehen vergessen, ihre Strapse auszuziehen. Sie pfiffen hinter mir her (das habe ich in Deutschland selten, um nicht zu sagen nie). Die meisten rufen mir auch etwas zu wie z.B. „I love you, billig“. Wenn die wüssten: Ich bin doch nicht billig.
Ich stelle mir das mit dem „I love you“ etwas plastisch vor. Da ist so ein müder Radler, von oben bis unter voller Schweiß von den Anstrengungen des Radlertages und auf dem Schweiß hat sich der Staub von den nicht immer geteerten Wegen angesammelt – eine Vorstellung, die mich eher anwidert, als amüsiert, oder gar anregt.
Es wird langsam dunkel, mein Licht funktioniert seit 2 Wochen nicht (mein Fehler beim Packen, die notdürftige Eigenreparatur hielt nur bis zur Nachtfahrt in Budapest) und ich habe noch keine Unterkunft. Die Fahrt geht über eine Hochebene, ca. 15 km vom Meer entfernt. Dann endlich, als es fast dunkel ist, führt der Weg wieder abwärts und bald sehe ich ca. 5 km seitlich der Straße das Meer. Hier muss es an der Küste doch Hotels geben. Ich werde wieder zuversichtlich und fahre 5 km abwärts in einen Küstenort, der mit vielen Hotels ausgewiesen ist. Als ich nach der langen, schönen Abfahrt mit einem sehr guten Gefühl unten angekommen bin, der Schock: alle Hotels dieser Anlage (Resort nennt sich das auf neu-bulgarisch) öffnen erst am 1.6.
Ich spreche einen Mann an, der vor einem dieser Hotels arbeitet. Oh Wunder, er antwortet auf deutsch. Alle Hotels hier öffnen erst in einer Woche. Aber im Ort „B..“, drei km den Berg wieder hinauf, gibt es eine Privatunterkunft. Er würde in 10 Minuten mit dem Wagen nachkommen, damit ich das auch finde. Das ist meine letzte Chance für heute, ansonsten hätte ich im Ort geschützt irgendwo unter freiem Himmel übernachten müssen.
Ich werde zu einer seeehr einfachen landesüblichen Unterkunft geführt (10 Euro), aber der Service ist nett und ich bekomme noch ein Abendessen und Zagorka. So etwas ist mir lieber, als ein ***-Sterne Hotel, wo der Service nicht meinen Vorstellungen entspricht.
In der Unterkunft werde ich von einem Deutschen angesprochen, der seit 15 Monaten 2 Häuser weiter wohnt und 3 Häuser weiter arbeitet. Leider hat er mehr als 2 Zagorka getrunken und ich versuche das Gespräch möglichst schnell und freundlich zu beenden. (Als er gegen 23 Uhr geht, habe ich Bedenken, ob er sein Wohnung 50 Meter weiter auch erreicht).
Das Meer sehe ich in 4 KM Entfernung unter mir liegen.
Ich bin froh, dass ich beim letzten Tageslicht wieder einmal Glück hatte. In dieser Situation schmerzten natürlich die 45 Minuten, die ich am Morgen im Hotel aufgehalten wurde und die 90 Minuten, die ich Umwege gefahren bin und die Stunde, die ich schneller gewesen wäre, wenn ich die nur 6 KM lange Autobahn genommen hätte.
Ende gut, alles gut.

So ganz einfach, wie ich mir die weitere Fahrt noch gestern vorgestellt hatte, wird es also bis Istanbul nicht. Ich werde keine Küstenstraße ohne große Steigungen vorfinden und die Wirkung der letzten Cortisonspritze lässt auch jeden Tag weiter nach. Ich habe durch die Entzündung im Hüftbereich und der daraus resultierenden Schonhaltung starke Schmerzen vom Gesäß bis ins Schienenbein. (Verstehe ich nicht, warum nicht die Wade, sondern das Schienenbein?) Die für morgen geplante Pause ist gestrichen. Bis Burgas sind es immerhin noch 110 km (ohne Umwege) und dann sind es noch einmal eine Tagetour bis zur Grenze und dann noch einmal eine Tagestour bis nach Istanbul. Ich habe ein tolles Rad, welches bisher ohne irgendeine Panne gehalten hat (Raddesign, Karl America, Bielefeld). Ich kann nur hoffen, dass mich bis Istanbul auch keine Panne mehr ereilt und meine Gesundheit nicht weiter beeinträchtigt wird, denn das würde die Planungen der letzten Tage kräftig durcheinander bringen.



Planung:
Morgen bis ca. 30 km vor Burgas, also ca. 80-100 km fahren. Dort liegt ein Ferienort neben dem anderen und ich werde kein Problem mit der Unterkunft bekommen.
Falls meine Hüfte mitspielt, werde ich Sonntag bis zu dem Ort fahren, in dem ich mit Ricki und Winnie oder wem auch immer verabredet bin (vgl. Einträge im Gästebuch), ansonsten mache ich die Etappe Montag.
Falls ich dort Sonntag ankomme, mache ich Mo und Di dort Urlaub, ansonsten halt nur Dienstag.
Mittwoch und Donnerstag sind es dann noch 2 Mini-Etappen bis zur türkischen Metropole Istanbul und ich habe dann noch 2 Pausentage in Istanbul. Dort muss ich mich um das Einpacken des Rades kümmern und noch einmal die Flugdaten abgleichen.
Nach dem Stand von heute werde ich Montag gegen 3 Uhr Ortszeit in Istanbul abfliegen und kurz nach 6 Uhr in Dortmund landen.
Aber wie gesagt: Rad und Hüfte müssen sich auch weiterhin an meinen Vorstellungen orientieren. Ich bin aber bei beiden wie immer optimistisch.
Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende
Erhard