Erklärungsversuch Stell dir ein
Kind vor, das kränkelt und das nicht essen will.
Stell dir ein
anderes Kind vor, das sich abwendet, wenn du es auf den Arm nimmst,
und stell dir
noch ein Kind vor, das nicht weinen kann und auch keinen Schmerz
empfindet.
Stell dir ein
Kind vor, das nur schwer lernt, selbst die einfachsten Sachen.
Stell dir Kinder
vor, die es trotz ihrer Dummheit schaffen, einen Keil zwischen Vater und Mutter
zu treiben.
Stell dir Kinder
vor, die schnell und unerklärlich zornig werden, hemmungslos ihre Wut von sich
geben.
Stell dir ein
Kind vor, das auf vorbeifahrende Autos Steine wirft; das seine Mutter als Hure
beschimpft, in der Gruppe zur Gefahr wird.
Stell dir ein
Kind vor, das dich belügt und beklaut, das seine Geschwister bedroht und
schlägt.
Stell dir Kinder
vor, die nicht um Gestern und nicht um Morgen wissen.
Stell dir ein
Kind vor, das dich zweifeln läßt;
stell dir ein
Kind vor, das .....
Das alles stell
dir vor und beziehe es auf eine einzige Person.
Und wenn du dann
ein Bild hast:
Multipliziere es mit 10
Jetzt hast du
eventuell eine Vorstellung von dem, was FAS bedeuten kann.
Trotz
alledem:
Es gibt tausend
gute und verständliche Gründe loszulassen. Ich weiß nur einen Grund, der dagegen
spricht:
Er hat
niemand Anderen !!!
Peter S./Pflegevater eines
FAS-Kindes
eine Pflegefamilie berichtet:
Nach einer längeren Wartezeit bekamen wir endlich unser sehnlichst erwartetes
Pflegekind. Ein Junge 2 1/2 war bereits seit längerem im Kinderheim. Beide
Eltern hatten Alkoholprobleme, hatten sich auch längere Zeit nicht mehr um das
Kind gekümmert. Neben einem körperlich und auch geistigem Entwicklungsrückstand,
ein gesundes Kind. Aber besonders auffällig durch extrem unruhiges Verhalten,
Wutausbrüche, stundenlanges Weinen u.s.w., ein sehr anstrengendes Kind
lt.Aussage des Kinderheimes. Man versprach sich eine deutliche Verbesserung
durch Unterbringung in einer Pflegefamilie.
Das schien sich auch zu bestätigen. Der Kleine lebte sich sehr schnell bei
uns ein, hatte guten Kontakt zu uns und unserer leibl. Tochter. Die Ursache für
sein hyperaktives Verhalten, sein häufiges Weinen, unkontrolliertes Lachen und
nicht einschätzen von Gefahren, sahen wir eher als Folgen seiner
Vernachlässigung in der ersten Zeit zuhause bei den leibl. Eltern. Wir waren
überzeugt, dass sich das durch gezielte Förderung und viel Liebe und
Geborgenheit ändern würde. Auch eine Untersuchung im SPZ bestätigte, dass wir
auf einem guten Weg waren.
Als er 4 Jahre war, kam er dann in den Kindergarten. Bereits nach 14Tagen
wurde uns mitgeteilt, dass es sehr schwierig mit ihm sei. Er sondere sich von
der Gruppe ab, könne sich mit nichts längere Zeit beschäftigen und sei überhaupt
sehr zurückgezogen. Man wolle ihn aber weiterhin beobachten. Nach einem
Vierteljahr hatte er sich eingelebt und verhielt sich ähnlich wie zuhause, sehr
wild, waghalsige Turnaktionen usw., brauchte sehr viel Aufmerksamkeit. Trotzdem
fand er schnell Freunde im Kindergarten und auch hier zuhause.
Als es um die Einschulung ging, riet uns der Kindergarten, ihn noch 1 Jahr in
einen Schulkindergarten zu geben. Wir meldeten ihn aber in die "normale"
Grundschule an. Auch hier bereits nach 14Tagen das erste Gespräch. Er störe
massiv den Unterricht, lenkte stets die Aufmerksamkeit auf sich und sei durch
sein Verhalten nicht schulreif. Also wurde er in den Schulkindergarten
angemeldet. Überraschenderweise ging es dort ganz gut und die Lehrerin meinte,
er könne in eine "normale" Schule. Nach einer Untersuchung bei einer Kinder-und
Jugendspychiaterin riet sie uns, ihn doch lieber in eine Lernbehinderten Schule
anzumelden.
Hier begann er dann auch noch mal mit der ersten Klasse. Trotzdem sofort die
gleichen Probleme. Unruhe, Aggressionen, Auseinandersetzungen mit anderen
Kindern, Clownereien. Auch zuhause wurde es immer schwieriger mit ihm, kein Tag
verging ohne Probleme. Seine Wut, Zerstörungen, nichteinhalten von Regeln,
ständiges Benutzen von Fäkalsprache u.v.m. ließen uns an unserer
Erziehungsfähigkeit zweifeln. Das übertrug sich auch auf unsere Tochter, die oft
nicht die Aufmerksamkeit bekam, die sie gebraucht hätte. Zwischendurch war er
wieder lieb, anschmiegsam und hilfsbereit, konnte sein Verhalten selbst nicht
erklären und litt auch darunter. Als er 10Jahre alt war, eskalierte die
Situation und wir wußten nicht mehr weiter, wollten ihn aber auch nicht abgeben.
Zum Glück bekamen wir recht schnell einen Termin in einer Kinder-und
Jugendpsychiatrie und dort wurde er auf ADHS getestet. Das bestätigte sich und
wir hatten die Gewissheit, keiner ist schuld an dem Verhalten. Mit Ratschlägen
wie wir nun damit umgehen können und Ritialin begann eine bessere Zeit für uns
alle. Auch in der Schule ging es aufwärts. Gute Noten, Aufmerksamkeit und
normales Verhalten waren nun an der Tagesordnung. Gleichzeitig wechselten wir zu
einem Kinderarzt, der sich speziell mit ADHS-Kindern befasste. Nach mehreren
Gesprächen überwies er uns zu einer Untersuchung nach Münster um abzuklären, ob
angeborene Alkoholschäden vorlagen.
In Münster wurde eine ausführliche Untersuchung gemacht und es bestätigte
sich, dass wahrscheinlich Alkoholschäden vorlagen. Körperlich war alles in
Ordnung, aber auf geistig-psychischer Ebene hatte er deutliche Defizite. Wir
waren recht betroffen über diese Diagnose, aber nicht verzweifelt. Durch die
Einnahme von Ritalin waren die Probleme nicht so ausgeprägt.
Das änderte sich aber mit dem Beginn der Pupertät. Von den früheren Freunden
blieben nur nach die, die ihm nicht gut taten. Ritalin lehnte er ab und wenn er
es nahm, war er wie versteinert. Sein Verhalten änderte sich. Er begann massiv
die Schule zu schwänzen, belog uns und die Lehrer, kam betrunken nach Hause und
wurde dann aggressiv, mußte sogar von der Polizei abgeholt werden. Oder er wurde
zusammengeschlagen und wachte erst im Krankenhaus auf. Neben Alkohol begann er
immer häufiger zu kiffen, brach die Schule ab, beklaute uns und unsere Tochter.
Dieses ständige Klauen von Geld oder anderen Sachen belastete das Familienleben
ganz erheblich. Intensive Gespräche in der Drogenberatung, mit Lehrern,
Psychiatern brachten nichts. Er zeigte sich immer verständig und einsichtig,
gelobte Besserung, vergaß aber das aber alles einige Stunden später und machte
weiter wie bisher. Wenn er zuhause war, saß er stundenlang in seinem Zimmer,
spielte mit der Spielkonsole und war total unmotiviert. Vom Jugendamt kam der
Vorschlag zu einer Fremdunterbringung. Anfangs konnten und wollten wir uns das
nicht vorstellen. Weil es aber überhaupt keine Alternative gab, er inzwischen
auch 18Jahre alt war und auf dem besten Weg war, in die kriminelle Szene
abzudriften und oder ein Suchtproblem zu bekommen, beschlossen wir, zusammen mit
dem Jugendamt eine Einrichtung zu suchen. Vorher hatten wir aber noch einen
Termin in Münster und dort ausführlich die Diagnose und auch Prognose bekommen.
Die Schäden sind unwiderruflich, wenig Therapiemöglichkeiten und Unterbringung
in einer Einrichtung mit 24/7(bedeutet 24Std.an 7Tagen)
Betreuung, gerechtfertigt. Das alles bekamen wir auch schriftlich und
erreichten, dass er einen Betreuer einen Behinderten Ausweis und auch einen
Platz in einer Einrichtung bekam, die bereit war, mit uns zusammen zu arbeiten.
Seit einem Jahr lebt er dort und hat trotz seiner Behinderung eine berufliche
Perspektive und auch viel Kontakt zu uns. Er wirkt insgesamt selbstsicherer,
beachtet die bestehenden Regeln und lernt auch Verantwortung zu übernehmen,
alles im Rahmen seiner Behinderung. Ein eigenständiges, normales Leben wird er
wahrscheinlich nie führen können. Seine Familie bleiben wir und er wird immer
unser Sohn bleiben.
Auch in der Bibel wurde schon vor Alkohol währen der Schwangerschaft gewarnt, s.u.
Das grundsätzliche Problem FAS ist allerdings nicht neu. Auch die Bibel hat im Alten Testament eine Passage, die eindeutig auf die Gefahren Alkohol und Schwangerschaft hinweist: Simsons Geburt 1Und die Israeliten taten wiederum, was dem HERRN mißfiel, und der HERR gab sie in die Hände der Philister vierzig Jahre. 2Es war aber ein Mann in Zora von einem Geschlecht der Daniter, mit Namen Manoach, und seine Frau war unfruchtbar und hatte keine Kinder. 3Und der Engel des HERRN erschien der Frau und sprach zu ihr: Siehe, du bist aunfruchtbar und hast keine Kinder, aber du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. 4bSo hüte dich nun, Wein oder starkes Getränk zu trinken und Unreines zu essen; 5denn du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem kein Schermesser aufs Haupt kommen soll. Denn der Knabe wird ein Geweihter Gottes sein von Mutterleibe an; und er wird anfangen, Israel zu erretten aus der Hand der Philister. 6Da kam die Frau und sagte es ihrem Mann und sprach: Es kam ein Mann Gottes zu mir, und seine Gestalt war anzusehen wie der Engel Gottes, zum Erschrecken, so dass ich ihn nicht fragte, woher oder wohin; und er sagte mir nicht, wie er hieß. 7Er sprach aber zu mir: Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. So trinke nun keinen Wein oder starkes Getränk und iss nichts Unreines; denn der Knabe soll ein Geweihter Gottes sein von Mutterleibe an bis zum Tag seines Todes.8Da bat Manoach den HERRN und sprach: Ach, Herr, laß den Mann Gottes wieder zu uns kommen, den du gesandt hast, damit er uns lehre, was wir mit dem Knaben tun sollen, der geboren werden soll. 9Und Gott erhörte Manoach, und der Engel Gottes kam wieder zu der Frau. Sie saß aber auf dem Felde, und ihr Mann Manoach war nicht bei ihr. 10Da lief sie eilends und sagte es ihrem Mann und sprach zu ihm: Siehe, der Mann ist mir erschienen, der heute nacht zu mir kam. 11Manoach machte sich auf und ging hinter seiner Frau her und kam zu dem Mann und sprach zu ihm: Bist du der Mann, der mit der Frau geredet hat? Er sprach: Ja. 12Und Manoach sprach: Wenn nun eintrifft, was du gesagt hast: Wie sollen wir's mit dem Knaben halten und tun? 13Der Engel des HERRN sprach zu Manoach: Vor allem, was ich der Frau gesagt habe, soll sie sich hüten: 14sie csoll nicht essen, was vom Weinstock kommt, und soll keinen Wein oder starkes Getränk trinken und nichts Unreines essen; alles, was ich ihr geboten habe, soll sie halten. 15dManoach sprach zum Engel des HERRN: Wir möchten dich gern hier behalten und dir ein Ziegenböcklein zurichten. 16Aber der Engel des HERRN antwortete Manoach: Wenn du mich auch hier hältst, so esse ich doch von deiner Speise nicht. Willst du aber dem HERRN ein Brandopfer bringen, so kannst du es opfern. Manoach aber wusste nicht, dass es der Engel des HERRN war. 17eUnd Manoach sprach zum Engel des HERRN: Wie heißt du? Denn wir wollen dich ehren, wenn nun eintrifft, was du gesagt hast. 18Aber der Engel des HERRN sprach zu ihm: Warum fragst du nach meinem Namen, der doch geheimnisvoll ist? 19fDa nahm Manoach ein Ziegenböcklein und Speisopfer und brachte es auf einem Felsen dem HERRN dar, der geheimnisvolle Dinge tut. Manoach aber und seine Frau sahen zu. 20Und als die Flamme aufloderte vom Altar gen Himmel, fuhr der Engel des HERRN auf in der Flamme des Altars. Als das Manoach und seine Frau sahen, fielen sie zur Erde auf ihr Angesicht. 21Und der Engel des HERRN erschien Manoach und seiner Frau nicht mehr. Damals erkannte Manoach, daß es der Engel des HERRN war, 22und sprach zu seiner Frau: Wir müssen des Todes sterben, weil wir Gott gesehen haben. g23Aber seine Frau antwortete ihm: Wenn es dem HERRN gefallen hätte, uns zu töten, so hätte er das Brandopfer und Speisopfer nicht angenommen von unsern Händen. Er hätte uns auch das alles weder sehen noch hören lassen, wie jetzt geschehen ist. 24Und die Frau gebar einen Sohn und nannte ihn Simson. Und der Knabe wuchs heran, und der HERR hsegnete ihn. 25Und der iGeist des HERRN fing an, ihn umzutreiben im Lager Dans zwischen Zora und Eschtaol
Mein kleiner
Bruder
Ich hatte mir schon immer
einen kleinen Bruder gewünscht. Einen Bruder zum spielen, zum reden, zum
rumalbern, zum diskutieren. Einen Bruder der zu mir aufschauen könnte, einen
Bruder der mein Verbündeter sein sollte.
Ich kann mich an einige
Kinder erinnern, die meine Eltern Tags über zur Pflege nahmen, an die Kinder die
wir auch über einen längeren Zeitraum in unserem Haus hatten. Doch irgendwann
mussten sie alle fort, zurück zu ihrer wirklichen Familie. Und in dieser Zeit
hatten meine Schwester und ich uns einen Bruder gewünscht der bei uns blieb, für
immer.
Und irgendwann war es
soweit. Meine Eltern hatten beschlossen ein Kind bei uns aufzunehmen das bei uns
bleiben sollte und nie wieder gehen würde. Ich weiß noch wie wir gelacht haben
als die Frau vom Jugendamt bei uns am Esszimmertisch saß und uns verriet, das
der Junge den gleichen Namen trug wie mein Vater.
Und ich kann mich daran
erinnern wie meine Mutter öfters im Krankenhaus war um den kleinen Jungen zu
besuchen, damit er sich an sie gewöhnen konnte.
Wenn man sich das im
Nachhinein vorstellt ist es grausam. Es ist grausam daran zu denken das ein
Säugling mit einem Herzfehler geboren wird, die Ärzte es operieren müssen weil
es genau verkehrt herum in seinem Brustkorb liegt. Es ist grausam das ein Baby
die ersten 7 Monate seines Lebens im Krankenhaus verbringen musste und etwas wie
Menschennähe nur durch die Krankenschwester kennen gelernt hatte die ihm die
Flasche gaben und ihn vielleicht ab und zu, wenn überhaupt auf den Arm
nahmen.
Doch zu diesem Zeitpunkt
war mir das nicht klar, viele Dinge waren mir nicht klar. Alles was ich mir
wünschte, was wir uns wünschten war ein kleiner Bruder, ein neues Mitglied in
der Familie.
Er war da. Wenn ich mir
alte Fotos oder Videoaufzeichnungen von damals anschaue fällt es mir leichter
mich an diese Zeit zu erinnern. Er war winzig, ganz blass und sein Kopf war
hinten ganz platt durch das lange liegen in der Krankenhauswiege. Er nuckelte an
seinen Zeige- und Ringfinger gleichzeitig anstatt an seinem Daumen. Wir waren
glücklich, alle waren glücklich und ich glaube wir waren das Beste was diesem
kleinen Wesen passieren konnte.
Aber irgendetwas
entwickelte sich nicht so wie es eigentlich sein sollte. Er war das erste Baby,
außer meiner fast gleich alten Schwester, dass ich wirklich aufwachsen sah und
irgendwann wurde klar das etwas nicht stimmte mit ihm.
Das Sprechen viel ihm
schwer. Wenn dann sprach er sehr wenig und wenn dann sehr unverständlich. Im
Nachhinein weiß ich nicht ob es vielleicht normal für ein Kleinkind ist, zu
Fantasiewörter erfinden und in den ersten Jahren, Gegenstände oder Personen mit
ihnen zu benennen, doch über die Jahre wurde klar das alles in seiner
Entwicklung sehr lange dauerte.
Er wurde im Laufe der Jahre
Meister darin, alles was er in die Finger bekam kaputt zu machen, Spielzeug
hielt bei ihm nicht sehr lange und ich weiß noch wie unser Vater jedes Mal
schimpfte wenn er auf seinem Fahrrad eine Vollbremsung hinlegte und die Reifen
wieder mal ein neues Loch vorwiesen.
Er hatte Wutausbrüche, er
zerschlug mit seinen Spielzeugautos die Glastür zu meinem Zimmer.
Es gab ständig Probleme mit
seiner Schulsituation, erst hatte er ständig die Kindergärten wechseln müssen
und unsere Eltern mussten sich jedes Jahr neu überlegen welche Schule für ihn
wohl am besten wäre.
Er wuchs und wurde älter.
Und stärker. Irgendwann fing er an mich und meine Schwester mit den schlimmsten
Schimpfwörtern zu beleidigen. Wir konnten nicht ganz verstehen was mit ihm los
war und oft wünschte ich mir er würde endlich etwas mehr Respekt unseren Eltern
gegenüber zeigen. Doch dies blieb aus. Oft klingelten die Nachbarskinder bei uns
um sich bei uns über sein schlechtes Verhalten zu beschweren.
Ich wusste das ihre Eltern
über ihn redeten. Und ich schämte mich weil sie wo möglich die Erziehung unserer
Eltern in Frage stellten.
Ich kann mich an unseren
verzweifelten Vater erinnern, der eigentlich immer auf alles eine Antwort weiß.
Nur hier war auch sein Latein zu Ende.
Ich kann mich an unsere
gestresste Mutter erinnern, die jeden Tag mit den Ticks und Anfällen meines
heranwachsenden Bruders zu kämpfen hatte, ihn aber trotzdem immer in Schutz
nahm.
Nun ist er in der Pubertät.
Er ist nun genauso groß wie ich und er hat Kraft. Ich mache mir immer Gedanken
darüber was passiert wenn er stärker wird als ich oder unser Vater. Ich habe
manchmal Angst davor ihn mit unserer Mutter alleine zu lassen, weil ich nicht da
sein kann um sie zu beschützen. Die Respektlosigkeit mir und meiner Schwester
wird immer größer und unsere Mutter pöbelt er inzwischen genauso an wenn ihn
irgendwas nicht in dem Kram passt. Der Einzige der noch an Kontrolle über ihn
verfügt ist unser Vater, doch muss ich manchmal beängstigend mit anschauen, wie
mein Bruder auch ihm Gegenüber aufmüpfig wird und hinter seinem Rücken
schlimmste Beleidigungen ausspricht.
Nun wissen wir aber sicher
was er hat, wo durch er das geworden ist womit wir jeden Tag zu kämpfen haben.
Es war nie ein Geheimnis das seine Mutter während der Schwangerschaft Alkohol
getrunken hatte, jetzt war der Name der Krankheit klar. Unseren Eltern wurde
immer bewusster das er nichts dazu konnte.
Mit den Jahren haben sich
auch die Probleme verändert die im Zusammenhang mit seiner Krankheit entstehen.
Auch wenn er immer noch
sehr impulsiv sein kann, hat mein Bruder wohl doch einen Weg gefunden sein
Temperament zu zügeln.
Manchmal beobachte ich ihm
beim malen und das alt bekannte Kindergekritzel ist einem Strich gewichen mit
welchem ich selbst nicht mithalten kann. Es gibt Momente da kann man sich
vernünftig mit ihm unterhalten, wir sitzen dann vor meinem Computer und er lernt
die Wochentage an einem Lernprogramm.
Man merkt ihm seine
Veränderungen an. Mit seiner Körpergröße hat er mich schon langsam eingeholt,
seine Stimme ist dunkler geworden, sein Gesicht wirkt weniger kindlich.
Manchmal können wir über
die Schule, Autos oder auch über Mädchen reden. Doch ich muss jedes mal
feststellen wie kurz sein so genannter Weitblick ist. Aber trotzdem betrachte
ich diese Gespräche als ernst, weil ich denke das er mit zunehmenden Alter auch
ernstgenommen werden will.
Die Probleme werden anders.
Auch wenn es zwischenzeitlich noch Beschwerden aus der Schule oder von Nachbarn
gibt, sind sie doch weniger geworden.
Mir selbst ist aufgefallen
das sein Verhalten immer davon abhängig ist mit wem er seine Zeit verbringt. Ich
glaube er wurde stark von den verschiedenen Schulen und ihren Schülern
beeinflusst. Ich denke ein großer Teil tragen auch einige Nachbarskinder bei,
die sich ähnlich verhalten wie er und sie ebenfalls auffällig verhalten.
Ich denke dieses Umfeld war
die Quelle der Schimpfwörter, Umgangsformen und Verhaltenweisen die mein Bruder
zu Tage legt.
Er sitzt nun nicht mehr
vorm Fernsehrgerät und schaut sich die Teletubbies an. Er schaltet ziemlich oft
auf die Musikkanäle um ein Lied seines Lieblingsrapper zu erwischen, welcher in
seinen Videoclips mit geladener Pistole rumläuft und darüber singt wie toll es
ist Leute zu verletzten. Nun trägt meine Bruder breite Hosen und Silberketten.
Des öfteren werde ich
Abends rausgeschickt um meinen Bruder in der Nachbarschaft zu suchen um ihn zu
essen zu holen. In letzter Zeit entfernt er sich immer weiter von zuhause um
sich mit seinen Kumpels zu treffen. Einen Umgang den unsere Eltern nicht gerne
sehen. Ich bin ins Auto gestiegen und nach einer Weile sah ich ihn von weiten
mit seinen Freunden im Park stehen. Er rauchte.
Ich denke, auch wenn es
viele Brüche in unserer Familie gab, auch wenn so manche Träne wegen meinem
Bruder gegeben hatte, hat mich seine Gegenwart all die Jahre positiv geprägt.
Auch wenn ich wusste das Andere über ihn schlecht redeten und ich viele Male aus
Scham schlucken und die Zähne vor Zorn zusammenbeißen musste, hat es mich doch
auf eine gewisse Art und Weise „abgehärtet“. Ich glaube viel Geduld anderen
Kindern aufbringen zu können, die quengeln und ihren Willen durchgesetzt haben
wollen. Ich glaube wirklich das ich diese Geduld und auch mein eigenes
Durchsetzungsvermögen, Kindern aber auch anderen geistig und körperlich
behinderten Menschen gegenüber zum Teil meinem Bruder zu verdanken habe.
Manchmal denke ich mit
einem Lächeln, daß ich es mit jedem noch so widerspenstigen Kind aufnehmen
könne, da ich ja mit dem Härtefall aufgewachsen bin.
Mit der Entwicklung meines
Bruders wird auch die Veränderung in unserer Familie kommen und seit nun
ungefähr zwei Jahren stellt sich die Frage was aus ihm werden soll. Unsere
Eltern bemühten sich um einen geeigneten Heimplatz für ihn und diese
Entscheidung erfüllt uns, obwohl sie am vernünftigsten ist mit Trauer. Nun steht
sein einiger Zeit fest, dass er in einem Heim unterkommt das bei uns in der Nähe
ist. Und ich weiß wir werden da sein um ihn zu besuchen.
Früher einmal hatte ich die
romantische Vorstellung, dass die Probleme eines Tages mal verschwinden würden
und das ich später nach meinen Eltern die Verantwortung für ihn übernehmen
könnte. Diese Vorstellung bekam ich vor allem durch Hollywoodfilme die
behinderte Menschen nur von ihrer niedlichen Seite darstellen.
Doch will ich trotzdem für
ihn da sein, ihn zur jährlichen Kirmes abholen und mit ihm über Schule, Autos
und auch über Mädchen sprechen.
Ich weiß nicht wie er diese
Umstellung verkraften wird, denn er wird trotz seines starken Körpers und seiner
immer männlich werdenden Erscheinung ein Kind bleiben. Und dies ist etwas
grausames was ich niemanden zumuten will, die Unwissenheit und die ständige
Abhängigkeit zu Menschen die sich um ihn kümmern. Und auch wie viel Kummer und
Sorgen er uns bereitet hat, er bleibt mein Bruder, ein Teil unserer Familie und
er wäre wohl wirklich arm dran wenn er das was er so oft beschimpft nie kennen
gelernt hätte.
Das fetale Alkoholsyndrom / Alkoholembryopathie (FAS/
AE)bei
Erwachsenen
Alkohol während der Schwangerschaft ist bekanntlich nicht gesund. Der Fötus
nimmt den Alkohol auf, kann ihn aber noch nicht richtig abbauen. Dadurch
entstehen irreparable Schäden im Gehirn. Dieses Kind wird Zeit seines Lebens
Probleme haben, je nach Schweregrad der Schädigung. Diese Probleme werden also
auch im Erwachsenenalter nicht komplett verschwinden. Zwar können bei leichten
Formen dieser Krankheit äußere Krankheitsmerkmale wie schmales Lippenrot,
hängende Lider usw. verwachsen, doch die geistigen Schädigungen bleiben. Im
schlimmsten Falle braucht dieser Mensch 24 Stunden am Tag Betreuung, meistens
von mehreren Betreuern gleichzeitig. Doch möchte ich hier über die „leichteren
Fälle“ sprechen.
Viele Menschen mit der Symptomatik FAS/AE sind nach außen hin eigentlich ganz
normal. Sie gehen zur Schule, haben Freunde, sind oft auch in verschiedenen
Bereichen sehr intelligent. Und doch fällt auf, daß sie oft unkonzentriert,
trotz fortgeschrittenem Alter noch lange verspielt sind, nicht lange still
sitzen können oder Probleme bei den Hausaufgaben haben. Manchmal sind sie auch
aggressiv. Einige haben Essstörungen, Probleme im sozialen Umfeld, sie sind zu
vertrauensselig oder sind meistens mit jüngeren zusammen.
Das sind alles kleine Probleme, bei denen die meisten Eltern sagen, das gäbe
sich irgendwann. Dies ist leider bei den meisten Kindern nicht der Fall.
Spätestens mit Ende der Schulzeit beginnen die großen Probleme. Eine normale
Ausbildung in der regulären Zeit von 3 Jahren zu absolvieren fällt den meisten
schwer. Durch ein schwächeres Immunsystem sind sie oft krank, fallen also aus,
sind überfordert, können sich nicht lange konzentrieren, machen Fehler. Dann
kommt es zu Konflikten mit dem Ausbilder. Prüfungen werden nicht bestanden,
müssen wiederholt werden oder sie „schmeißen den Mist einfach hin“, weil alles
„Mist“ ist. Wenn sie doch eine Ausbildung erfolgreich abschließen, geht es
trotzdem im weiteren beruflichen Werdelauf so weiter. Ein ewiger
Teufelskreislauf. Der Betroffene findet, wenn er Glück hat, einen Arbeitsplatz,
doch verliert ihn schnell wieder, weil er überfordert ist und der Arbeitgeber
das Spiel nicht mitmacht.
Und so geht der Teufelskreislauf immer weiter. Job finden, Job verlieren, Job
finden, Job verlieren. Oftmals lassen sich nur Arbeitsplätze in einem
Zeitarbeitsunternehmen finden. Aber was ist das für ein Job? Überall ist man
fremd, darf den Müll machen, den die Angestellten der Firmen nicht machen wollen
und hat keinen festen Arbeitsplatz, da in den meisten Fällen nur Aushilfen für
einige Tage oder Wochen gebraucht werden. Die Bezahlung ist schlecht und auch so
fühlt man sich nicht sehr wohl. Durch Schichtarbeit und ewigen Arbeitsortwechsel
wird man schnell mürbe. Irgendwann kommt es auch hier zur Entlassung. Der
berufliche Lebenslauf wird immer länger und die Nerven des Betroffenen immer
schwächer. Ohne fachmännische Hilfe gibt es da kein Entrinnen. Aber die ist
leider rar. Zwar gibt es Hilfe z.B. durch Ärzte des SPZ (Sozialpädriatisches
Zentrum) der Uniklinik Münster, doch leider gibt es noch nicht genug Fachärzte
auf dem Gebiet und die, die es gibt, sind überlastet. Oft muß man monatelang auf
einen Termin warten und dann weit reisen. Der normale Hausarzt oder
Psychotherapeut kann leider nicht gut helfen, da er auf dem Gebiet einfach
„keine Ahnung“ hat.
Ich möchte anhand meiner Geschichte einmal kurz aufzeigen, welche Probleme
und Möglichkeiten man als Erwachsener mit FAS /AE heutzutage zu hat.
Geschichte
eines FAS/AE betroffenen Erwachsenen
Also, ich wurde 1974 von einer Frau geboren, die vor und während der
Schwangerschaft sehr viel Alkohol getrunken hat. Als ich zur Welt kam, wog ich
2200 g, war 43 cm klein, hatte einen Kopfumfang von 31 cm, hatte eine
Untertemperatur von 33 Grad und habe nicht spontan getrunken, sondern mußte
einige Wochen über eine Dauersonde künstlich ernährt werden und in einem
Wärmebettchen liegen. In meinen ersten Jahren war ich klein und zierlich, habe
wenig gegessen oder es oft wieder ausgespuckt. Ob später im Kindergarten oder in
der Schule, überall war ich die kleinste, der Außenseiter und wurde gehänselt.
Es war schlimm. Freunde hatte ich immer sehr wenig, da ich sehr schüchtern war.
Als ich 6 Jahre alt war, starb meine Mutter und ich wuchs bis ich 16 Jahre war,
bei meinen Großeltern auf. Die Lehrer in der Schule meinten, ich sei für mein
Alter zu klein und noch zu verspielt, weshalb ich ab der 5. Klasse auf die
Gesamtschule kam. Lernen fiel mir immer schwer. Ich kam nur schlecht mit, lernte
langsamer als die anderen, doch was ich tat, tat ich ordentlich. Wie oft saß ich
stundenlang über meinen Hausaufgaben, während meine jüngeren Freunde draußen
spielten. Ich konnte mich nie richtig konzentrieren, zappelte auf dem Stuhl rum
und verlor mich in Tagträumen. Oft gab es dann Ärger und die Tränen flossen.
Meine Großeltern waren überfordert. Mein Vater war selbst Alkoholiker und
kümmerte sich wenig um mich. In den Sommerferien fuhren wir nach Italien. Dort
lebte ich in meiner eigenen kleinen, glücklichen Welt. In der Schule hatte ich
mittelmäßig bis schlechte Noten. Ich schloß die Gesamtschule mit dem
Hauptschulabschluß nach der 10. Klasse ab. Dann begann der Teufelskreislauf. Ich
machte eine Ausbildung zur Bürokauffrau, bestand aber nicht die Prüfung, hatte
Versagensangst, wiederholte nicht, sondern schmiß hin. Dann bekam ich einen
Ausbildungsplatz als Köchin, brach nach 6 Monaten ab, weil ich meine Freunde
durch die Arbeit verlor und mich bei den Kollegen nicht durchsetzen konnte. Dann
starb mein Vater am Alkohol. Ich arbeitete in der Zeitarbeit, kündigte nach
einigen Monaten, weil es zu viele Wechselschichten waren und ich keinen Rhythmus
fand, begann eine Ausbildung zur Floristin, wurde gemobbt, weil ich nicht so
lernen konnte, wie ich sollte und wollte, hatte Suizidgedanken, wurde aggressiv
mit Mordgedanken meiner Chefin gegenüber, kam in eine Tagesklinik, verlor den
Ausbildungsplatz.
Dann bekam ich über das Arbeitsamt die Möglichkeit, eine Ausbildung zur
Bürokauffrau mit pädagogischer Betreuung zu machen. Durch diese Betreuung
schaffte ich nach 3 ½ Jahren im 1. Anlauf meine Prüfung, wenn auch nicht mit
Supernoten. Danach bekam eine Weiterbildung zur Sekretärin, war mit dem Material
überfordert, arbeitete ich wieder in einer Zeitarbeitsfirma, wurde in einer
Firma übernommen, verlor den Job wieder, weil meine Leistungen nicht den
Anforderungen entsprachen und ich nicht verantwortungsbewusst genug war und ich
zu langsam lernte und nicht selbständig arbeiten konnte, fand einen neuen Job,
verlor den aber auch wieder aus den gleichen Gründen und weil ich erneut
Suizidgedanken hatte und krank wurde. Krankheit wurde aber in dieser Firma
mißbilligt. Ich war lange arbeitslos. 2002 kam dann die Wende. Bei Stern-TV sah
ich einen Beitrag zum Thema FAS. Was diese Frau dort über ihre
Krankheitsmerkmale erzählte, kam mir ja so bekannt vor. Es war, als ob ich dort
säße. Ich meldete mich bei Stern-TV und man verwies mich an eine Ann Gibson, die
Spezialistin auf dem Gebiet war. Sie sagte, ich solle in die Uniklinik Münster
und mich untersuchen lassen. Das tat ich und man stellte fest, daß ich die
Syptomatik der Alkoholembryopathie (FAS/AE) Grad 1 hätte. Eine feste Diagnose
konnte allerdings nicht gestellt werden, da es sich um eine Untersuchungsmethode
für Kinder handelte. Ich war aber kein Kind mehr. Aber trotzdem schnitt ich bei
diesen Tests unterdurchschnittlich ab. Der Arzt meinte, ich hätte diese
Krankheit. Mit diesen Ergebnissen ging ich zum Arzt, stellte einen Rehaantrag
und bekam eine Kur genehmigt, wo ich für den Arbeitsmarkt gefestigt werden
sollte. Allerdings wollte man dort nicht auf FAS/AE eingehen, mit der
Begründung, es handele sich um eine Modekrankheit, ich wär doch ganz gesund,
solle mich nicht damit befassen. Nach der Kur fand einen Job im Kiosk eines
Freizeitrestaurants. Inzwischen hatte ich so starke psychische Probleme, daß ich
Panikattacken bekam, mein Körper ausgelaugt war und ich nach 1 ½ Jahren mit
einem Nerven-/Kreislaufzusammenbruch in eine Klinik für Patienten mit
Depressionen und Angststörungen eingewiesen wurde. Dort wurde ich 3 Monate
behandelt. Die Ärzte dort befaßten sich etwas mit den Unterlagen der Uniklinik
Münster und gaben mir den Tip, einen Behindertenausweis zu beantragen und
Stellen auf dem 2. Arbeitsmarkt zu suchen. Das tat ich. Leider ist FAS
hierzulande noch nicht offiziell als Behinderung angesehen, weshalb ich nur 40%
auf Depressionen und Konzentrations-/Angststörungen bekam. Ich stellte einen
Antrag auf Gleichstellung einer Behinderung beim Arbeitsamt, welcher abgelehnt
wurde, da ich keinen Arbeitsplatz hätte, der gesichert werden müsse und auch
angeblich keine Probleme hätte, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Dies war
„Müll“, denn ich hatte meine Jobs aufgrund meiner Krankheit verloren und fand ja
keinen neuen. Ich ging wieder nach Münster zum Arzt. Der sagte mir, ich sei
aufgrund meiner Probleme nicht für den 1. Arbeitsmarkt geeignet, bräuchte einen
Arbeitgeber, der mir hilft, halt einen Arbeitsplatz mit Betreuung und legte mir
eine Einrichtung für Patienten wie mir ans Herz, die rund um die Uhr betreut
werden, aber eigene Wohnungen haben und in einer Art Behindertenwerkstatt
arbeiten könnten. Das Stift Tilbeck. Aber ganz so wollte ich es doch nicht. Ich
stelle wieder einen Rehaantrag bei der deutschen Rentenversicherung. Ab Mai
diesen Jahres bekomme ich eine Wiedereingliederungsmaßnahme, in der langsam die
Arbeitsbelastung gesteigert wird, es gibt Trainig in EDV, Training sozialer
Kompetenzen, Bewerbungstrainings, Training im Umgang mit Vorgesetzten. Durch
spätere Praktika in verschiedenen Unternehmen kann ich Glück haben, daß ich auf
diesem Weg einen Arbeitsplatz finde, der meinen Anforderungen gerecht wird, wo
es einen Arbeitsgeber gibt, der mit mir zusammen arbeitet. Wir werden sehen.
Dies habe ich erzählt, um Ihnen einen kleinen Einblick zu geben, wie das
Leben eines Menschen mit FAS/AE aussehen kann. Sie sehen, es ist voller
Schlaglöcher.
Sollten Sie Menschen in Ihrer Umgebung haben, bei denen Sie der Meinung sind,
die könnten FAS/AE haben, scheuen Sie sich nicht, sich an uns zu wenden. Ich bin
sicher, zusammen werden wir eine Lösung finden.
Ihre D. S
Eine vermeidbare Tragödie
Erster Infotag der FASworld-Regionalgruppe in Bünde / Alkohol pures Gift für
ungeborenes Leben
Bünde-Ennigloh. Das Fetale Alkoholsyndrom (FAS), das durch Alkoholkonsum
während der Schwangerschaft verursacht werden kann, ist die häufigste nicht
genetisch bedingte geistige Behinderung. Seit September 2006 gibt es,
eingegliedert im bundesweiten Verein FASworld Deutschland, für den Bereich
Ostwestfalen-Lippe eine Selbsthilfegruppe zum Thema FAS. Und am Wochenende
veranstaltete sie ihren ersten Infotag im Haus des Kinderschutzbundes in
Ennigloh.
Aufklärung steht bei den Mitgliedern an erster Stelle: „Wir machen keine
Showveranstaltung mit Hüpfburg und Programm, sondern haben gezielt Menschen,
Schulen und Ämter angeschrieben und möchten heute über unsere Arbeit und über
FAS informieren“, erklärte der Sprecher der Regionalgruppe, Peter Schubert. Mit
der Resonanz des Infotages sei man zufrieden. Über 50 interessierte Besucher aus
ganz OWL seien nach Bünde gekommen.
„Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass man über FAS und die Folgen
sprechen kann und auch muss“, stellte die Bundesvorsitzende von FASworld, Gisela
Michalowski aus Lingen, heraus. Laut Untersuchungen des Robert-Koch-Institutes
habe bundesweit ein Kind auf 300 Geburten mit den Folgen des Fetalen
Alkoholsyndroms zu kämpfen. „Die Dunkelziffer wird sogar auf acht bis fünfzehn
Kinder auf 1.000 Geburten geschätzt“, so Michalowski, die betonte, dass die
Tendenz steigen werde und die Mütter, die in der Schwangerschaft Alkohol
konsumieren, immer jünger würden. Eine Tragödie, die zu 100 Prozent vermeidbar
sei, so Peter Schubert. Durch den Alkoholgenuss könne es zu vor- oder
nachgeburtlichen Schäden kommen, die das Kind in der Gesamtheit der
körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklung beeinträchtigen.
Hyperaktivität, ADS, psychische wie physische Einschränkungen bis hin zu
schwersten Mehrfach-Behinderungen sind nicht selten die Folgen. Eine Heilung
gibt es nicht, Therapien können aber fördern helfen, was in den Kindern steckt.
„FAS-Kinder brauchen unsere besondere Unterstützung. Wir wissen, was sie nicht
können und wollen ihnen helfen, ihre Stärken auszubauen“, erklärte Gisela
Michalowski.
Die Regionalgruppe besteht aus Eltern, Adoptiveltern, Betroffenen und
Interessierten, die sich gegenseitig in Krisensituationen helfen und aufklären
und informieren möchten. „In unserer Gruppe engagieren sich junge Menschen, die
meisten von ihnen sind mit FAS-Geschwistern in ihren Familien aufgewachsen“,
schilderte Peter Schubert, „das qualifiziert sie im besonderem Maße für den
Umgang mit unseren behinderten Kindern und sie stellen durch die Kinderbetreuung
sicher, dass die Eltern der Selbsthilfegruppe auch wirklich ins Gespräch kommen
können.“
aus der NW: Schlückchen, die ein Leben verändern
Alkoholgenuss in der Schwangerschaft kann das Ungeborene schädigen
Selbsthilfegruppe in OWL
Bünde/Oerlinghausen. Im Alter von zweieinhalb Jahren kam Dennis zu
seinen Pflegeeltern Jutta und Rüdiger Prinz in Oerlinghausen – ein normaler,
kleiner Junge, so schien es. Doch als er drei Jahre alt war, wollte Dennis
ständig im Mittelpunkt stehen. Ein Schreikrampf jagte den nächsten, hemmungslos
griff das Kind in brennende Kerzen und auf heiße Herdplatten. „Wir konnten ihn
keinen Moment unbeobachtet lassen“, sagt Jutta Prinz.
Dennis leidet an FAS, dem fetalen Alkoholsyndrom. Seine leibliche Mutter
hatte während der Schwangerschaft regelmäßig Alkohol getrunken. Die Folgen:
Dennis ist unkonzentriert hyperaktiv, kennt weder Angst noch Hemmungen. Eine
belastende Situation für den Betroffenen und sein Umfeld. Daher hat das Ehepaar
Prinz die Selbsthilfegruppe FASworld OWL – die einzige in NRW – gegründet.
Einmal im Monat treffen sich Pflegeeltern und Kinder beim Kinderschutzbund in
Bünde, um sich auszutauschen.
„Lange haben wir nicht gewusst, an was unser Sohn leidet“, erinnert sich
Rüdiger Prinz. Erst habe man sein Verhalten dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom
(ADHS) zugeordnet. „Als er noch klein war, ist er auf dem Spielplatz auf das
höchste Gerüst geklettert, wo jedes andere Kleinkind Hemmungen gehabt hätte.“ In
der Schule habe er dann nicht still sitzen können, habe immer etwas anzetteln
müssen. In Gruppen konnte sich Dennis nicht integrieren, war sowohl im
Kindergarten als auch in der Schule eher ein Außenseiter. „Als er zehn Jahre alt
war, erzählte er, dass er Selbstmordgedanken habe“, sagt Jutta Prinz. Schnell
merkten die Eltern: Da steckt mehr dahinter als ADHS.
Das fetale Alkoholsyndrom hat viele Facetten. „Es gibt Kinder mit
körperlichen Schädigungen wie Gesichtsdeformationen oder Kleinwüchsigkeit“, sagt
Reinhold Feldmann, Diplompsychologe an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
der Uniklinik Münster und Spezialist in der FAS-Diagnostik. „Andere haben
geistige Schädigungen. Ihre Intelligenz ist eingeschränkt. Sie sind sehr naiv.
Wenn ihnen jemand sagt: Komm, wir gehen Zigaretten klauen, dann tun sie das.“
Auch Dennis zeigte dieses Verhalten. In der Pubertät fing er an zu trinken und
seine Eltern zu bestehlen. Rüdiger Prinz: „Er hatte falsche Freunde.
FAS-betroffene Kinder kennen keinen Gewissenskonflikt und neigen zu
Kriminalität.“
Welche Menge Alkohol in der Schwangerschaft FAS auslösen kann, kann man
pauschal nicht sagen, so Feldmann. „Wenn eine Frau im ersten Monat nicht weiß,
dass sie schwanger ist, ab und an mal Alkohol trinkt, dann aber acht Monate gar
nichts konsumiert, passiert nichts. Auch eine Praline, die Alkohol enthält, kann
keinen Schaden anrichten. Aber trinken sollte man nichts. Auch nicht das
,Schlückchen in Ehren‘. Daran hält sich bekanntlich niemand.“
Dennis, mittlerweile 19 Jahre alt, kann nicht mehr am Schulunterricht
teilnehmen oder das tägliche Leben bewältigen. „Derzeit ist er in einer
Einrichtung mit betreutem Wohnen untergebracht, um langsam wieder im Alltag Fuß
zu fassen.“
Das fetale Alkoholsyndrom (FAS), auch als
Alkoholembryopathie (AE) bezeichnet, ist die
Schädigung eines Fötus durch von der
schwangeren Mutter aufgenommenen Alkohol. Mit dem Ausdruck
fetale Alkoholeffekte wird eine minderschwere Form des FAS
bezeichnet.
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Definition
Wird ein Embryo (bis zur 9.
Schwangerschaftswoche) oder Fetus (ab der 9.
Schwangerschaftswoche) während seiner Entwicklung Alkohol und Alkoholabbauprodukten
ausgesetzt, so wird er nicht nur in seiner Entwicklung gehemmt, sondern erfährt
in Abhängigkeit von Reifestadium, Alkoholmenge und individueller Disposition
weitere körperliche Entwicklungsschädigungen. Diese nachgeburtlich
diagnostizierbaren Schäden in ihrem Gesamtbild fasst man unter den Begriffen
fetale Alkoholeffekte (bei minderschweren Fällen) bzw.
fetales Alkoholsyndrom (beim Vollbild) zusammen.
Der ICD-10-Code O35.4 wird angegeben
bei der Betreuung der werdenden Mutter bei
(Verdacht auf) Schädigung des ungeborenen Kindes durch Alkoholkonsum. Für das
Neugeborene wird hingegen der ICD-10-Code Q86.0 verwendet.
Geschichte
Das FAS wurde (obwohl sicherlich so alt wie der Alkoholkonsum
selbst) als Entwicklungsstörung infolge von Alkoholkonsum während der
Schwangerschaft erstmals 1968 durch P. Lemaine in Frankreich
beschrieben, 1973
erneut in den USA durch
K. L. Jones und D. W. Smith. Die diagnostischen Kriterien sind seit dem im
Wesentlichen unverändert das Auftreten einer Mehrzahl von typischen
körperlichen, kognitiven und mentalen Entwicklungsstörungen.
Ursache
Alkohol gehört zu den (Gift-)Stoffen, welche die Plazentaschranke (eine die
Kreisläufe von Mutter und Kind trennende Membran) durchdringen können. Da
ein Embryo keine und ein Fetus nur geringe eigene Möglichkeiten zum Abbau von
Alkohol hat, ist er diesem Zellgift in besonderem Maße
ausgesetzt.
Hinsichtlich eines tolerablen Alkoholkonsums der Mutter während der
Schwangerschaft gibt es keine gesicherten Aussagen. Neben Studien, die einen
geringen Alkoholkonsum als nicht signifikant schädigend bewerten, gibt es
Feststellungen, nach denen selbst bei nur einmaligem größerem Alkoholkonsum
bereits Fehlgeburten auftraten. Es muss zur Zeit davon ausgegangen werden, dass
jeder Alkoholkonsum ein grundsätzliches Risiko darstellt und keine Grenze
benannt werden kann, unter der Alkoholkonsum in der Schwangerschaft mit
Sicherheit keine Schädigung des Kindes nach sich zieht.
Der Alkoholkonsum des Vaters spielt hinsichtlich der Entwicklungsstörungen
nach den bisherigen Studien keine Rolle. Dies lässt sich auch daraus ableiten,
dass FAS keine genetische bedingte Fehlbildung ist, sondern
eine Vergiftung während der Schwangerschaft. Hinsichtlich der nachgeburtlichen
familiären Situation hat er - wie der weitere mütterliche Alkoholkonsum auch -
für die Förderung des Kindes negative Auswirkungen.
Entwicklungsstörungen
Die Vergiftung des ungeborenen Kindes mit Alkohol führt zu unterschiedlichen
Entwicklungsstörungen in Abhängigkeit vom Reifungsstadium:
Im ersten Trimester
Der Embryo zeichnet sich im ersten Trimester durch die
Entwicklung der grundlegenden Organanlagen
aus. Dementsprechend tiefgreifend sind die Schädigungen, die in dieser Zeit
erfolgen:
Mikrozephalie / Mikroenzephalie
(Kopf-/Gehirnminderentwicklung) kraniofasziale Hypoplasie
(Gesichtsveränderungen mit Unterentwicklung) Fehlbildungen der inneren
Organe
Im zweiten Trimester
In diesem Zeitraum ist die größte Gefahr bei mütterlichem Alkoholkonsum eine
Fehlgeburt. Weiterhin kommt
es zu:
Wachstumsretardierung (Rückstand in bzw. Verzögerung der körperlichen
Entwicklung)
Im dritten Trimester
In dieser Zeit wächst der Fetus körperlich und kognitiv zur Geburtsreife. In
dieser Zeit besteht die Gefahr von:
Schädigung des Zentralnervensystem
(diese Gefahr ist nun am größten) Wachstumsretardierung
Krankheitsbild
Körperlich
Kinder mit FAS weisen häufig mehrere Fehlbildungen aus einer Liste möglicher
korrespondierender Fehlbildungen auf. Dies sind:
Minderwuchs und/oder Untergewicht mangelndes Unterhautfettgewebe kleiner Kopfumfang (Mikrozephalie) schrägstehende Augenöffnungen eine kurze, flache Nase schmale Oberlippe fehlendes oder schwach ausgebildetes Philtrum (Rinne zwischen
Nase und Oberlippe) Fehlbildungen der inneren Organe (Herz, Nieren, etc.) Steißbeingrübchen Fehlbildung der Genitalien und Extremitäten
Kognitiv
allgemeine Entwicklungsretardierung bis zur Unselbstständigkeit KoordinationsschwierigkeitenKonzentrationsschwierigkeiten
schlechtes GedächtnisHyperaktivität / Schlafstörungen Schwierigkeiten bei der Reizverarbeitung gestörtes Sozialverhalten fehlendes Hungergefühl
Diagnose
FAE beziehungsweise FAS wird in der Mehrzahl der Literatur nach folgenden
Kriterien diagnostiziert:
FAE (FAS Grad I-II)
Der Alkoholkonsum der Mutter muss gesichert sein
Es müssen zwei der drei FAS-Kriterien vorliegen
FAS (Vollbild)
Folgende drei Hauptkriterien müssen vorliegen:
Vor-/nachgeburtliche Wachstumsstörungen (Dystrophie)
Störungen des Zentralnervensystems
Gesichtsveränderungen (geschrägte Lidachsen, schmales Lippenrot, hypoplastischesPhiltrum, etc.)
Folgen
Kinder mit FAS entwickeln sich körperlich durchaus weiter, in Studien konnte
festgestellt werden, dass sich die körperlichen Hypoplasien während des
Wachstums etwas zurückentwickelten.
Im kognitiven Bereich konnte dies nicht festgestellt werden. Die überwiegende
Anzahl der FAS-Kinder weist eine kognitive
Behinderung auf. Hierbei hat auch eine optimale Förderung von Kindern, die
zu Pflegeeltern kamen, keine
weiteren Entwicklungserfolge gezeigt.
Mentale und soziale Defizite konnten nicht beseitigt werden, die Kinder
benötigen ein einfach strukturiertes klares Umfeld, um nicht überfordert zu
werden.