Salzburg 2020

20.09.20
Jetzt muss ich leider faul werden. Montag habe ich erfahren, dass mein Krebs explodiert ist:
Metastasen an:
Jochbein, beide Oberschenkel, Rippen, Becken,Weichteile, neben dem Herzen, viele in der Leber, eine in der Lunge, 4 im Gehirn und das ein oder andere habe ich jetzt wohl vergessen. Dann besteht wohl noch der Verdacht, dass ich irgendwann einen Schlaganfall nicht bemerkt habe.
Der erste KH-Termin in kommenden Freitag. Entgegen einiger Ratschläge trete ich den Urlaub an. Ich will noch einmal was für meine Seele tun.
 Faul deshalb, weil ich abends ziemlich erschöpft bin und nicht bei Facebook und hier schreiben möchte. Ich kopiere deshalb die FB-Beiträge einfach hier ein. An der ein oder anderen Stelle mag ein Satz deshalb hier nicht ganz passend sein, sorry!




 

Selfie auf der Anreise.
Selfie mit Lak und Horst. Das war eine schöne Stunde mittags in einem Biergarten am Stadtrand von Nürnberg

Foto:
Mattsee

 

Manchmal lösen Erinnerungen an schöne Momente der Vergangenheit ein wenig Wehmut und Melancholie in mir aus.
Das gilt für mich auch, wenn es gilt, von lieb gewonnenen Menschen Abschied zu nehmen in der Befürchtung, sie vielleicht nicht wieder zu sehen.
Kurzurlaub in Österreich, vielleicht mein letzter Urlaub überhaupt.
In Nürnberg treffe ich Horst und seine Frau Lak. Horst habe ich bei einer Reha-Maßnahme 2007 auf der Bodenseehalbinsel Mettnau kennengelernt. Der Kontakt ist nie abgerissen. In einem Biergarten am Stadtrand von Frankfurt wird typisch fränkisch gegessen. Danke Horst und Lak für die angenehme Stunde.
Vor genau 50 Jahren (1 Jahr nach der Mondlandung, deshalb weiß ich es so genau) machte ich mit meinen Eltern Urlaub in der Nähe von Salzburg am Wallersee. Eltern und 4 Kinder musste ihre Zimmer räumen, damit die Urlauber aus Deutschland dort eine schöne Zeit verbringen konnten. Die drei älteren Kinder waren in etwa so alt wie mein Bruder und ich und mit Eva entwickelte sich eine ganz besondere Freundschaft. Sie besuchte uns einige Male in Deutschland und vor gut 40 Jahren auch mit ihrem damaligen Freund. Ich wohnte nicht mehr zu Hause und so konnte der Erstgeborene in meinem früheren Kinderzimmer gezeugt werden. War wohl die gute lippische Luft. Wie oft bin ich bei ihnen gewesen! Bei der Hochzeit, als Zwischenstation auf längeren Radtouren, div Urlaube, u.a. nach einer Radtour mit meiner damals 11 jährigen Tochter von Oerlinghausen bis an den Wallersee. In den 50 Jahren werde ich mehr 20* hier gewesen sein, einzelne Tage oder mehrere Wochen.
Heute habe ich meine österreichischen Freunde mit einem Besuch überrascht. Abendessen gab es natürlich im überaus bekannten Restaurant Fischtagging. Da dort schottische Hochlandrinder gezüchtet werden, war meine Bestellung vorprogrammiert – medium bitte!
Was haben wir nicht alles für Storys von früher zu erzählen. Was machen die Verwandten, weißt Du noch, wie xx (lebt noch) im betrunkenen Kopf an den elektrischen Weidezaun gepinkelt hat, was machen die Kinder, usw. usw.
Das sind tolle Gespräche, dass ist Leben!....Zumindest ein Leben, wie ich es mir vorstelle.
Sonntag treffen wir uns noch mal, Restaurant Kienberg. Bis dahin und Montag werde ich die Seen aufsuchen, die ich so liebe. Am Mattsee war ich schon heute, aber Mondsee, Attersee, Gosausee, Toplitzsee (den Schatz werde ich wohl nicht mehr finden), Wolfgangsee. Obertrumer See, Zellersee, gerne auch der Hallstädter See und einige andere stehen noch auf meiner Agenda.
Den Urlaub muss ich leider etwas früher abbrechen. Für den folgenden Montag wurden gestern 2 wichtige Termine bestimmt. Einer in Hannover und ein anderer in der Uniklinik Essen. Ich habe eine tolle Tochter, die es heute geschafft hat, den Termin in Hannover auf nächsten Freitag zu verlegen. Also beende ich meinen Urlaub am Donnerstagabend bei meiner lieben Tochter in Hannover und werde mit ihr gemeinsam das Vorgespräch wahrnehmen. Es geht darum, wie die Hirnmetastasen in der Woche drauf behandelt werden.
In Essen werden mir dann 3 Tage später drei mögliche Behandlungsmethoden für die übrigen Metastasen vorgestellt, wobei eine noch in der Erprobungsphase ist. An einen zumindest mittelfristigen Erfolg vermag ich nicht zu glauben. Auch hier wird meine liebe Tochter mich begleiten. Danke, danke, danke!
Aber jetzt genieße ich diese Urlaub mit Phasen der Wehmut, mit Phasen schöner Erinnerungen und mit einer großen Portion Freude und Optimismus. Ich genieße in vollen Zügen!!
Das fing ja schon beim Essen an ?
 

Dies war unser Domizil 1970, als ich das erste Mal in der Gegend war.

Links kann man gerade noch den Wallersee erkennen. Im Haupthaus wohnen die Kinder und Enkelkinder. Eva und Louis haben es sich links im Altenteil wohnlich und gemütlich gemacht,

Hirschragout am Fuschlsee
 

Leider ist der Urlaub zwangsweise zu kurz und ich werde nicht alles schaffen, was ich wollte.
Da erinnere ich mich an einen alten Spruch:
Essen und Trinken gehören zu den 3 schönsten Dingen im Leben.
Also zu den Bildern:
Leberknödelsuppe und Hirschragout in Fuschl am See (Frühstück)
Dann einen Blick auf St. Gilgen am Wolfgangsee. 10 Minuten nach dem Hirschen hatte ich dort noch keinen Hunger wieder.
Vom Wolfgangsee ging es an den Attersee. Die Straße um den See war komplett gesperrt (Straßenrennen), aber ein Polizist gab mir einen guten Tipp. Über einen Schleichweg war ein kleiner Ort zu Beginn des Sees noch erreichbar. Es ist WE, schönes Wetter und im Salzkammergut ist es überall brechend voll. Dieser Tipp war gut, kaum einer kannte ihn und der Ort war fast touristenleer. Viele Bänke luden zum Verweilen ein und die Sonne verwöhnte mich bei 17-20 Grad, meiner Wohlfühltemperatur.
Weiter ging es (wieder musste ein Streckenposten helfen), über Schleichwege nach Mondsee. "Heiße Liebe", leider nicht in echt, aber als wunderbares Eis mit einigen Getränken ließen meine Gedanken bei früheren Aufenthalten verweilen.
Was ich noch gar nicht bemerkt hatte: Mein Hotel mitten in Salzburg hat einen klasse großen Biergarten unter großen Bäumen. Es gibt bei rotem Kerzenschein ein zünftiges heimisches Essen und 2 halbe Liter Bier. Liebe Seele, was willst Du mehr.
Etwas ernsthafter waren heute 2 Telefonate in die Heimat um Freunde über meinen aktuellen Gesundheitsstand zu informieren. Sie sollen es nicht (und dann womöglich noch dramatisiert) von andere hören.
Eigentlich sollte der Urlaub 3 oder 4 Tage länger sein, aber darauf habe ich in diesem Jahr leider keinen Einfluss.
Zumindest morgen treffe ich mich noch mit 2 Freunden aus Seekirchen. Genauso habe ich mir diesen Urlaub gewünscht.
Ich wünsche Euch und Ihnen einen schönen Abend.

Himmlische Ruhe am Attersee.
Alle Straßen um den See wren egen eines Straßenrennens gesperrt.

Am Fuschlsee

Das war heute sehr anstrengend, zu anstrengend.
Das Frühstück ( pass auf) nahm ich gegen 14:15 Uhr am Gosausee ein. Es bestand aus einer kleinen Gulaschsuppe und Sülze mit steierischem Kernöl.
An den See vor dem gewaltigen Dachsteingebirge habe ich so viele Erinnerungen. Heute ist Sonntag, schönes Wetter und der Touristenansturm ist unglaublich. Ich habe hier schon ruhige, schönere Stunden verbracht. Heute war es ätzend. Vor ca. 15 Jahren habe ich ein Foto mit unserem damaligen Hund Oskar auf der Mauer gemacht. Mal schauen, ob ich es gleich finde (jupp, geklappt).
Weiter ging es am Ufer des Hallstätter Sees und des Wolfgangsees zurück an den Wallersee zu meinen Freunden in Seekirchen. Das Abendessen (Rehragout) im Kienberg war sehr schmackhaft.
Wenn ich doch nur etwas mehr Zeit hier hätte.
Klar, es sind schöne Erinnerungen, aber mir fehlt die Zeit, diese zu intensivieren.

                                                                           gleiche Stelle, nur ca. 15 Jahre Unterschied

Reisen macht einen bescheiden. Man erkennt, welch kleinen Platz man in der Welt besetzt.
(Gustave Flaubert)
Absolutes Kaiserwetter. Sollte der Tag wirklich für mich so in die Hose gehen?
Schon 5 oder 6* habe ich eine Schiffstour über den Königsee nach St. Bartolomä unternommen. Immer bei Kaiserwetter, immer tolle Fotos gemacht, immer zufrieden nach Hause gekommen.
Ich ahnte Schlimmes, als der Parkplatz ca. 1 km vorm Anleger schon voll war. Der nächste mögliche Parkplatz war weit über 1 KM entfernt, das heißt hin und zurück 2,5 Kilometer und Stehen in der Warteschlange. Für mich nicht mehr machbar. Ich bin dann mit dem PKW bis zum Ende gefahren, nur um zu sehen, wie lang die Schlange war. Gruselig. So etwas habe ich noch nicht erlebt.
Okay, dann gehe ich halt frühstücken, Ist ja schon nach 13 Uhr. Suppe und Salat im Nachbarort und meine Laune besserte sich leicht. Aber was jetzt machen. Der Wirt: "besser wird es am See die nächsten Stunden nicht",
Die Gedenkstätte am Obersalzberg hatte ich schon mal besichtigt. Keine Ahnung, wie lange das her ist, war im Jahr der Eröffnung. Aber dieses Thema bei so schönem Wetter? Egal, irgendetwas musst Du doch noch unternehmen. Die Warteschlange endete 5 Meter vor dem Schild (Foto 1). Also knapp 2 Stunden.
Die Laune war ganz tief. Tolles Wetter, 23 Grad und noch nichts auf die Beine gestellt.
Dann wenigstens noch einmal Wasser sehen, bevor die Sonne untergeht. Vielleicht errät ja jemand, wo ich dann in aller Gemütlichkeit ein Eis geschleckt habe.
Abends im Biergarten des Hotels eine Bratwurst mit Sauerkraut und mit einem leichten Schmunzeln denke ich: "Kann halt nicht jeder Tag so verlaufen, wie man sich das wünscht. So schlecht war es doch auch nicht."
Im Abschied ist die Geburt der Erinnerung
(Dali)
Der letzte Urlaubstag neigt sich dem Ende zu. 25 Grad, Kaiserwetter. Erst als die Sonne langsam untergeht, läuten einige kleine Wolken den Wechsel ein. Freitag noch 14 Grad, Samstag 10 und nachts 4. Es wird Zeit, dass ich morgen abreise.
Am ersten Herbsttag hat der Sommer jedenfalls noch einmal alles gegeben. Höchstleistung! Danke!
Nach dem Besuch des Mirabellengartens war ich am Nachmittag bei Eva und Louis um Abschied zu nehmen. Wenn ich hier im Hotel " Zum Hirschen" sitze und schreibe fällt es mir etwas schwer zu glauben, dass es nach genau 50 Jahren wahrscheinlich ein Abschied für immer sein wird.
Danke für Eure tolle Gastfreundschaft, heute und in all den Jahren.
Einige hatten mir vom Urlaub abgeraten, aber ich habe alles richtig gemacht.
Jetzt warte ich auf das was kommt und was ich kaum noch beeinflussen kann. Trotz aller optimistischen Gedanken: So ganz langsam schleicht sich auch ein klein wenig Angst dazwischen, wie die nächsten Wochen aussehen werden.
„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“
*Jean Paul"
Trotzdem: Ich bin heute Abend etwas traurig.

Auf diesem Hof verbrachte ich den Nachmittag.
Danke!

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© Erhard Krull