Tanger

Für den 27.03.2018 habe ich den Rückflug von Tanger (über 900.000 Einwohner, 5.größte Stadt Marokkos) gebucht.

 

 

Der Legende nach hat Antaios, Sohn von Poseidon und Gaia, die Stadt gegründet. Herkules spaltete an dieser Stelle die Erde und schuf so die Meerenge von Gibraltar, in der Mittelmeer und Atlantik ihre Gewässer vermischen.

Wahrscheinlich wurde Tanger im 5. oder 6. Jahrhundert v. Chr. von Karthagern gegründet. Später geriet die Siedlung Tingis unter römische (siehe auch: Mauretania Tingitana) bzw. byzantinische Herrschaft, bevor sie im Jahr 702 von den Arabern erobert wurde.

Im Jahr 1471 hielten die Portugiesen Einzug, denen im Jahr 1580 die Spanier und 1661 die Briten folgten – Katharina von Braganza brachte es als Mitgift in die Ehe mit Karl II. ein. Doch schon kurz darauf (1684) wurde Tanger an Marokko unter den Alawiden übergeben.

 

 

Für mich schließt sich ein kleiner Kreis. Im letzten Jahr war ich mit Beirut in einer Gegend, aus  der die Phönizier stammen, die als Seefahrervolk einen Großteil des Mittelmeeres beherrschten. Die Geschichte der Überquerung der Alpen mit Elefanten hat mich zu Schulzeiten fasziniert. Tanger war eine der östlichen Niederlassungen dieses Seefahrervolkes.
Wiki schreibt dazu:
Tanger, eine marokkanische Hafenstadt an der Straße von Gibraltar, bildet schon seit der Zeit der Phönizier eine strategische Verbindung zwischen Afrika und Europa. In der weißgetünchten Medina auf einem Hügel befindet sich der Dar el Makhzen, ein Sultanspalast, in dem heute ein Museum mit marokkanischen Artefakten untergebracht ist. 

Ob die südwestlich von Tanger am Atlantik gelegene Stadt El Jadida (siehe gesonderte Seite) ebenfalls von Karthago aus gegründet wurde, ist nach meinen bisherigen Informationen nur eine Vermutung ohne Beweis in Form von Fundstücken.

 

24.03.2018
Foto: Blick von der Dachterrasse des Hostels "Dar Tanger Medina", im Herzen der Altstadt. Die berühmte Meerenge ist deutlich zu erkennen.

Ich werde wach, weil es auf's Dach prasselt. Der Zug wartet nicht. Durch den strömenden Regen geht es in 15 Minuten zum Taxistand und nach weiteren 10 Minuten erreiche ich den Bahnhof, nass bis auf die Haut. Erst am Nachmittag klart es auf und als der Zug um 15:30 Uhr in Tanger ankommt, wagt sich die Sonne heraus. Gerade rechtzeitig, um mir noch einen kurzen Eindruck von der Medina und dem Hafen zu verschaffen.
Ich werde auf dem Weg zum Hotel von mehreren Restaurantmitarbeitern angesprochen. „Natürlich haben wir frischen Fisch. Wir leben schließlich am Atlantik und am Mittelmeer. Du kannst Fisch bekommen, aber auch Fleisch oder Huhn“ …..und von vielen kam der Nachsatz „...Haschisch haben wir natürlich auch...“
Ich sitze jetzt im Restaurant. An den Nebentischen wird viel spanisch gesprochen. Das europ. Festland ist nur 15 Kilometer entfernt.
Das Abendessen war ein Gedicht. Für die letzten beiden Abenden werde ich diese Lokalität meines Vertrauens wieder aufsuchen. Als die Bedienung fragte, was ich haben wollte: „Fisch, lieber'n bisken mehr - und dafür wat Jutes!“ Der Herr verstand mein Hochdeutsch nicht, aber Fisch gab's trotzdem.

 

25.03.2018
Poh, draußen plästert es, was das Zeug hält. Der Frühstücksraum, in dem ich aktuell sitze, steht zu Teilen unter Wasser. An der ersten Stelle habe ich es nicht gemerkt und mich auf die nassen Polster gesetzt. Shit, Hose feucht. Aber dieses Wetter (gestern hatte es bis zum Nachmittag geregnet) macht mir den Abschied leichter.
Im Museum wird die Webkunst der Berber verdeutlicht. Mich interessiert eher die zufällige Farbzusammenstellung, die mir klarmacht, dass es in Kürze wieder Richtung Heimat geht. Knapp 4 Wochen sind eine schöne Zeit. Sicherlich nicht zu lang, aber trotzdem freue ich mich, dass es Dienstag zurück nach Hause geht.
Nicht ganz ohne Probleme:
Dear Mr./Mrs. ERHARD KRULL,
TAP informs you that your flight departure time has changed.
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(TAP ist übrigend die Gesellschaft, von der gestern in Stuttgart ein völlig betrunkener Pilot kurz vor dem Abflug aus der Maschine geholt wurde und 116 Passagiere über Stunden festsaßen.)
Liebe Ivonne: Wegen der Flugverspätung kann es sein, dass ich Mittwoch etwas später ins Büro komme. )

 

Das Praktische am Urlaub ist,
dass er einem nicht nur die Kraft gibt,
die Arbeit wieder aufzunehmen,
sondern einen auch derart pleite macht,
dass einem gar nichts anderes übrig bleibt.


Aber auch hier in Tanger schließt sich ein kleiner Kreis. Auf einer Radtour von Oerlinghausen (liegt in Ostwestfalen) über Gibraltar nach Sevilla hatte ich vor vielen Jahren im April/Mai selbst noch in Spanien schlechtes Wetter. Ergebnis: Von Tarifa aus konnte ich Afrika nicht sehen und als Beigabe gab es damals eine unangenehme Blasenentzündung. Wenn ich das Foto von Gibraltar finde, stelle ich es hier noch ein.

 

Nachmittags bessert sich das Wetter. Mit Besen wird das Wasser großer Pfützen in Gullis geschoben. Leider bin ich heute sehr schlecht auf den Beinen. Selbst auf dem kurzen Weg zum Hafen muss ich 2 Pausen einlegen. Ich kann heute mal etwas über Fußball erzählen.
Eigentlich war doch ausgemacht, dass im Sommer in Russland bestimmt wird, dass die USA, Kanada und Mexiko gemeinsam die Fußball-WM 2026 austragen. Dann kam 2017 ein interessanter Vorschlag aus Afrika:
Wie wäre es kontinentalübergreifend mit Marokko, Portugal und Spanien?
Na ja, zumindest Marokko hat sich nun beworben und in den USA und Kanada springt eine Stadt nach der anderen als Austragungsort ab. Heute konnte ich erleben, wie fußballbegeistert Marokko ist. In allen Restaurants, Cafes und vielen Geschäften werden Spiele am Bildschirm verfolgt. Laute Torschreie dringen auf die kleinen Straßen in der Medina. Viele Hauswände sind mit Fußballmotiven bemalt. Alle afrikanischen Länder wollen, wer hätte das gedacht, für Marokko stimmen.
Minuspunkt: Infrastruktur
Pluspunkt: Donald Trump, der die afrikanischen Länder als Dreckslochländer bezeichnet hat.
Meine Meinung: Nachdem in vergangenen Jahren NUR das Geld zählte (z.B. gekaufte WM 2006 in Deutschland, Vergabe nach Katar 2022 – denen sind die Arbeitsbedingungen egal und auch egal, wie viele Bauarbeiter sterben! ) hätte die zweite WM auf afrikanischem Kontinent etwas Reizvolles.

 

Chapeau, den Trick kannte ich noch nicht ;-)
Gestern suche ich mein Hotel in der Medina von Tanger. Ich werde von einem Herrn in den Fünfzigern angesprochen, was ich suche. "Dar Tanger Medina". Er geht vor. Meine obligatorische Abwehrhaltung, weil es immer, wirklich immer um unverschämt viel Geld geht "Nein, ich möchte allein gehen". Er dreht sich um: "Ich bin kein Guide, ich nehme kein Geld. Ich helfe Ihnen gerne, weil ich direkt in der Nachbarschaft des Hotels wohne". Okay, das schien mir unverfänglich.
Beim Hotel angekommen verabschiedet er sich noch "Übrigens, mein Restaurant ist hier direkt um die Ecke. Falls Sie Lust haben, kommen Sie heute Abend" Ich: "Gibt es Fisch?"
"Klar, frischen Fisch, Fleisch, Huhn, Gemüse, was Sie wollen und Haschisch".
Na ja denkelte ich so vor mich hin, du kennst hier kein Restaurant und der Typ iat ja ganz nett. Später traf ich ihm beim Bummel noch einmal in der Stadt und er fragte, ob ich käme und wann.
Heute traf ich ihn wieder, an der gleichen Stelle wie gestern. Ob ich im Restaurant gewesen wäre und ob es mir gefallen hätte. "In der mittleren Etage, der Fisch war sehr gut". "Was haben sie denn für den Fisch bezahlt?" Ich wurde stutzig. "Für das gesamte Essen mit Getränken 150 Dirham, war okay". "Kommen Sie heute wieder?" "Keine Ahnung". "Haben Sie 150 oder 160 Dirham bezahlt?" Jetzt wurde ich noch stutziger. "Nö, ich meine 150 Dirham". Auf einmal verläßt er schnell meinen Tisch vor einem Straßencafe Richtung Restaurant von gestern. Minuten später fällt mir ein: Klar, Du hast 160 Dirham bezahlt, weil 10 Dirham Trinkgeld. Und dann fällt es mir schuppig von den Augen und ich achte darauf, ob sich meine schuppige Vermutung bestätigt. Er spricht alle Touris an, die offensichtlich ihr Hotel suchen. Ist ja am Gepäck leicht zu erkennen. Egal welches Hotel genannt wird, hat er immer ein Restaurant im Umkreis von wenigen Metern und freut sich, sie zum Hotel direkt in seiner Nachbarschaft zu führen........und dann gibt es von allen Restaurants, für die er Kunden akquiriert, Prozente. So ergibt das einen Sinn. Ich schmunzel vor mich hin: "Reingefallen".  Das Essen war völlig okay und heute sitze ich wieder hier ;)
Das war gut gemacht, Hut ab!
Allerdings habe ich morgen ein kleines Revanchefoul vor. Falls er mich wieder fragt, ob ich in "seinem" Restaurant war, werde ich das verneinen ;-)

Mittagessen im Hafengebiet. Die Fischplatte war gut und sehr preiswert. Für Fisch, frischen Orangensaft und Milchkaffee waren das mit Trinkgeld keine 8 Euro.

26.03.2018 um 21 Uhr
In 5 Stunden schellt der Wecker und deshalb möchte ich mich mit diesem und den beiden folgenden Bildern von den Lesern verabschieden - vielleicht bis zur nächsten Reise, die mich nach Tansania, auf eine griechische Insel (evtl. Kreta), in die Karibik (Martinique oder Jamaika) oder wieder nach Marokko führen wird. Dies sind jedenfalls geplant die nächsten Ziele, ohne dass ich mich in der Reihenfolge festlegen kann.
Zum heutigen Tag: Ein wolkenloser Himmel und angenehme Temperaturen von etwas unter 20 Grad. Ich sitze ein oder zwei Stunden mit einem Einheimischen auf eine Bank. Wir genießen die Frühlingssonne und führen ein ausgezeichnetes Gespräch. Wir reden über Politik, Religion, Familie,  Flüchtlinge aus den südlichen Saharastaaten in Marokko, Flüchtlinge in Deutschland. Er meint, dass die Demokratie wie in Deutschland eine tolle Sache sei. Das System von Korruption und Bakschisch in Marokko ginge überhaupt nicht, auch nicht das Gesundheitssystem. Wer kein Geld hat und krank ist, stirbt. Ich erzähle von meinen Tansania-Erlebnissen mit dem Herforder Walter Rausch, wo ich ähnliche Erfahrungen gemacht habe. Dies war ein toller, intensiver Austausch. Es ist so schade, dass eine wenige "Anmacher" einen leicht übersehen lassen, dass es hier in Marokko ganz tolle Menschen gibt. Auch bei uns gibt es schließlich solche und solche.

Auf den Mann, der mich zu den Restaurantbesuchen animiert hatte (vorvorvorheriger Text), bin ich heute einfach mal direkt zugegangen und habe gefragt, was er von den einzelnen Restaurantbesitzern als Bakschisch für die Zuführung von so dummen Touristen, wie ich einer bin, bekommt. Er war dieses Mal wohl ehrlich: 1 Euro für jedes Essen, welches der Touri dann dort verzehrt.

Am Abend gibt es den letzten frischen Fisch dieses Urlaubs und das war's! Bis denne
Euer/Ihr
Erhard (Krull)

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