Kattowitz 16.10. bis 19.10.19

17.08.2019
Heute konnte ich günstig einen Flug nach Kattowitz bekommen. 
Flug 43 Euro, Unterkunft für 3 Übernachtungen in einem 35 m² Appartement direkt im Zentrum für 88 Euro.

 

 

Die Universitätsstadt Katowice hat 300.000 Einwohner und ist Hauptstadt der polnischen Woiwodschaft Schlesien. Sie liegt im Oberschlesischen Industrierevier. Vor einem Jahr (Dez. 2018) fand hier die UN-Klimakonferenz statt.

 

 

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Gegen 22 Uhr suche ich mir vor dem Flughafen Kattowitz ein Taxi. Dem Fahrer musste ich etwas Zeit lassen, bis er seinen Pickel zu Ende ausgedrückt hatte.
Ich zeigte ihm auf dem Handy die Anschrift und er fragte "Welche Stadt?" Ich "Na ja, Kattowitz". "Das sind aber 40 Kilometer!"

Hm, das wusste ich ja vorher, aber für diese kurze Zeit hätte sich ein Leihwagen nicht gelohnt. Ich hätte einen Parkplatz finden müssen, der sicherlich für 4 Tage auch einiges kostet. So habe ich es bequem und nach einer guten halben Stunde (gut ausgebaute Autobahn) setzt er mich passend vorm Appartement ab. Die 50 Euro (Nachttarift) finde ich für die Fahrt auch völlig okay.

                                                                                                                              Teil des Museumsgeländes. Dazu bald mehr.

17.10.2019
Während es in Ostwestfalen die letzten Tage stark regnete (viele sagen "endlich"), wache ich heute spät nach tiefem und langem Schlaf bei wolkenlosem Himmel auf. Gestern bin ich erst spät angekommen. Eigentlich wollte ich noch auf ein oder zwei Bier rausgehen, bin dann aber gleich ins Bett gegangen.
Der Anreisetag war anstrengend, weil noch bis nachmittags gearbeitet habe. Ich hoffe, dass ich lernfähig bin: Am Anreisetag wird zukünftig schon der Urlaub beginnen und unter 5 Tagen (d.h. 3 ganze Tage vor Ort) werde ich keine Kurzurlaube mehr machen.

Foto: Das Denkmal mit den 3 Flügeln
(hier nur 2 zu sehen) wurde 1967 errichtet. Es
soll an die 3 Schlesischen Aufstände
1919, 1920 und 1921 erinnern.
Rechts die Sportarena Spodek.                                                                                               Spodek bei Nacht

Direkt neben dem Denkmal schlendere ich durch den Schlesischen Park. Die wärmende Sonne lädt zu entspannten Minuten ein. Von einer Parkbank aus betrachte ich die herbstliche Färbung der Bäume und lese ein wenig.

Da habe ich doch glatt eine Milchbar gefunden. In der Fußgägerzone bin ich 2* dran vorbeigelaufen, so unscheinbar ist der Eingangsbereich.
Mein Problem: Ich spreche kein polnisch
Dort wird aber ausschließlich polnisch gesprochen.
Die Speisekarte auch nur polnisch.
Mal schauen, was ich entziffern kann:
"Kotlet" klingt gut und entpuppt sich als recht großes Schnitzel mit Salatbeilage, Kartoffeln und 500 ml Cola Zero (zusammen für 4 Euro). Dieses Kantinenessen in den polnischen "Milchbars" gefällt mir, zumindest 1* tgl.
Das einzige Gericht, welches ich meine zu verstehen ist "Rolada". Morgen werde ich mal schauen, ob es das ist, was ich mir so denke.

Auf einem ehemaligen Zechengelände wurde ein Museum gebaut (2014/2015), welches selbst mich Kulturbanausen außerordentlich gut gefällt, übrigens das größte polnische Museumsprojekt seit der politischen Wende vor 30 Jahren.

Die Gemälde und Kunstwerke aus dem 19. und 20. Jahrhundert interessierten mich nicht. Aber es fing an interessant zu werden, als ich die kleine Fotoausstellung sah. Harte Frauenarbeit wurde dokumentiert. Minenarbeiterinnen im 19. Jahrhundert, Frauen, deren Arbeit in der Industrie im ersten Weltkrieg unentbehrlich war. Ein kleiner Schwenk zu den Zwangsarbeiterinnen zur NS-Zeit und Arbeiterinnen in Konzentrationslagern. Beeindruckende Bilder aus der ganzen Welt! Die Ausstellung endet im Dezember.
Das Highlight war allerdings der unterirdische Teil des Museums, der sich mit der Geschichte Schlesiens auseinandersetzt. Hier könnte ich Stunden verbringen.
Ich lerne etwas über die schlesische Sprache, über die Bewohner dieser Gegend seit 100.000 Jahren. Teilungen, Aufstände, Kriege, Zeit nach dem 1. Weltkrieg, Nazizeit, 2. Weltkrieg, bis heute. So anschaulich, so informativ. Schlesien war für mich immer ein weißer Fleck bei meinen geschichtlichen Kenntnissen. Heute habe ich etwas dazugelernt.

                                                       Wie man sieht, war ich auch oben auf dem Förderturm

                                                 Ich bleibe bis zur Dunkelheit im Museum und dem Außengelände

Der Name „Oberschlesien“ wurde das erste Mal im 15 Jh. verwendet. Das durch diesen Namen bezeichnete Gebiet gehört heute in Teilen zu Polen und Tschechien.

Ab dem Ende des 18 Jh, wurde Oberschlesien von einem Netz von Hütten und Bergwerken durchzogen. Der bisherige Rhythmus, der vom Säen und Ernten, und von Märkten bestimmt war, veränderte sich vollends.

Mädel, ein wenig mehr Gespür, wenn es drängt
Seit einer Stunde suche ich ein Lokal mit typisch polnischem Essen.
Die Blase drückt immer mehr. In bin wohl in einer angesagten Stadt, in der es sich nicht schickt, regionale Gerichte anzubieten. Libanesich, türkisch, mexikanisch, Mc Doof, KFC, Burgerladen, und... und.... und – alles kein Problem.
Jetzt drückt die Blase zu sehr. Das nächste Lokal muss es sein, egal was es ist. Ich stürme rein und weiß nicht einmal, was die auf der Karte haben.
Burger (esse ich nie) und 3 verschiedenen Steaks (na ja, nicht gewollt, aber okay).
Sofort nach der Bestellung auf die einzige Toilette – eine für Frauen und Männer gemeinsam. Ein junges Mädel, so um die 20 steht vorm Spiegel und schminkt sich. Ich wieder zurück auf meinen Platz. Das heimische Bier wird gebracht. Ich traue mich nicht, es anzutrinken. Nach knapp 10 Minuten (mir kommt es fast aus den Ohren), versuche ich es noch einmal; das Mädel steht doch nur am Waschbecken. Hinter einer Tür ist doch die einzige Toilette. Nee, geht nicht. Im eigentlichen Notdurftraum ist auch ein Spiegel.....und ihre Freundin schminkt und frisiert sich dort. Mensch Mädel, ihr müsst doch merken, dass es eilig ist. Nach weiteren 5 Minuten verlassen sie die Toilette und lächeln mir gnädig zu.

Foto links: Rolada hatte ich richtig gedeutet      oben: keine richtige "Milchbar", aber ähnlich


Nicht gewusst habe ich, dass Kattowitz (Katovice) in 1950igern eine zeitlang Stalinograd hieß.
Na ja, bei Kattowitz und der oberschlesischen Industrieregion dachte ich vor meinem Besuch schon ein wenig an das Ruhrgebiet vor einigen Jahrzehnten.
Aber so wie das Ruhrgebiet nicht mehr eine Region mit rauchenden Schloten, vielen Zechen usw, und so wie Duisburg mit seinem schönen Binnenhafen nicht mehr das Duisburg des Schmanski ist, genauso geht es hier auch langsam aufwärts. Ich finde Kattowitz allerdings nicht so schön, wie viele andere polnischen Städte, die ich in en letzten knapp 15 Jahren besucht habe. Hier im Zentrum gibt es keine "schöne Altstadt". Dafür ist Kattowitz allerdings in Sachen Kultur und Angebote für junge Menschen absolut klasse.....mittlerweile eine angesagte Stadt.
Viele Jahrhunderte war nicht bekannt, welcher Rechtum hier im Boden schlummerte. Oberschlesien war in weiten Teilen eine bäuerliche Gesellschaft mit vielen Großgrundbesitzern und einer schwer arbeitenden übrigen Bevölkerung. Erst mit der Industrialisierung und Entdeckung der Bodenschätze entwickelte sich die Region zu eine Art zweitem Ruhrgbiet mit einem Anteil polnischer und einem Anteil deutscher Bürger. Die Region kam zu einem (na ja) gewissen Wohlstand.
Im 2. Weltkrieg waren Kohle und Stahl aus Schlesien für die Kriegsführung der Nazis extrem wichtig, um so mehr, als die englischen Bomber Schlesien erst sehr spät im Verlaufe des Krieges erreichten. Fast die gesamte Ostfront konnte von hier "bedient" werden.
Bis weit ins 20. Jahrhundert waren die familiären Strukturen (oft Großfamileien) fest geprägt. Der Mann war das uneingeschränkte Oberhaupt der Familie - vielleicht bis auf die Erziehung der Kinder, dafür arbeitete er zu lange. Schlesien war eines der kinderreichsten Gebiete Mitteleuropas. Er arbeitete an 6 Tagen sehr hart und nur der Sonntag, die kirchlichen Feiertage und Familienfeste dienten der Erholung. Der Sonntag diente dem Kirchgang (die waren alle ausgesprochen fromm) und dem Besuch der Gasthäuser. Alkoholismus wurde schon im 19. Jahrhundert zu einem immer größeren Problem. Eines der beliebtesten Spiel in den Gasthäusern war übrigens Skat.
Für die Kinder war unbedingter Gehorsam und Respekt gegenüber den Eltern angesagt.
So, das waren mal einige Dinge, die mir gestern im Museum als Information rübergebracht wurden. Ein wirklich tolles Museum! Alleine dafür könnte ich noch einmal wiederkommen ;-)

Noch ein Foto aus dem Museum: Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Kattowitz (ich meine ab 04.09.39 in Händen der faschistischen deutschen Wehrmacht).

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Die haben ja echt aufgepasst. Beim Taxi für kommende Nacht habe ich Befürchtungen, dass vielleicht der Wagen mich nicht findet, weil ich so ein schlechtes Englisch spreche. Also buche ich über booking.com. 5 Minuten nach der Buchung bekomme ich den Anruf von einem netten Taxiunternehmer. Ob ich mich vielleicht vertan hätte. Kattowitz habe einen kleinen Regionalflughafen und einen für internationale Flüge. Ob ich nicht vielleicht letzteren gemeint hätte. Bingo! Danke! Ich wollte ja nicht zum Segelflugplatz ;-)

Am Abend gehe ich durch eine sehr angesagte Straße (vor der Kirche, wenige Fotos höher). auch am 18.10.ist es bei dem guten Wetter draußen noch rappelvoll. Alle Tische der  zig Kneipen sind besetzt. In den meisten Lokalen werden nur Getränke ausgeschenkt. Es ist lebhaft. Ganz zum Schluss finde ich vor einem ital. Restaurant noch einen Tisch. Gerettet!
 

So, dass waren die 2 Tage Katowice. Heute am 18.10. war ich nicht besonders gut auf den Beinen und habe  die möglicherweise letzten wärmenden Sonnenstrahlen dieses Jahres genossen. Gestern noch 18 oder 19 Grad, heute 20 oder 21.
Ich melde mich in gut 4 Wochen wieder, wieder aus Polen, aber dieses Mal aus Breslau, wo ich mir den Beginn des dortigen Weihnachtsmarktes ansehen werde. Tschüß und bis dahin.

 

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© Erhard Krull